Vom Weg abgekommen

SchwindelTom Keely ist ziemlich kaputt. Einst machte er Karriere als Umweltaktivist, war bekannt und auch finanziell gut gestellt, aber nach einem Skandal verlor er seine Arbeit. Außerdem ging seine Ehe in die Brüche, und nun steht er allein da, die Tage sind grau und einer ist wie der andere. Es wird immer schwieriger, sie durchzustehen und ohne Alkohol und Tabletten scheint es ihm unmöglich.

Eines Tages begegnet er Gemma wieder, einer Bekannten aus seiner Kindheit. Keelys Eltern hatten sie und ihre Schwester damals aufgenommen und aus einer schwierigen familiären Situation befreit. Gemma ist nun Keelys Nachbarin. Bei ihr lebt ihr Enkel Kai, dessen Mutter im Gefängnis sitzt. Keely, der eigentlich seine Ruhe haben möchte, knüpft zaghaft Kontakt zu Gemma und hilft ihr mit dem Jungen. Schlechte Erfahrungen haben sie hart gemacht. Und sie hat Probleme mit einigen zwielichtigen Gestalten aus einem Milieu, von dem keiner der Beteiligten genau weiß, wie gefährlich es ist. Keely lässt Gemma und Kai nur widerwillig in sein Leben, seine eigenen Probleme lähmen ihn, aber langsam übernimmt er Verantwortung.

Der Australier Tim Winton hat mit „Schwindel“ einen Roman um ein paar Menschen vorgelegt, die vom Wege abgekommen sind, die desillusioniert sind. Das tägliche Leben ist für sie zu einem Kampf geworden. Wie Winton dieses Milieu abbildet, den Alltag Keelys und Gemmas zeigt, die Trostlosigkeit und die Resignation, das ist überzeugend. Keelys knappe, teils auch derbe, lakonische Sprache trägt dazu bei, dass man sich als Leser sehr gut hineinversetzen kann in diese Atmosphäre, die natürlich alles andere als einladend ist. Tauschen möchte man nicht mit ihnen.

Trotzdem konnte mich Wintons Roman nicht ganz überzeugen. Dass über weite Strecken wenig passiert, ist immer nur dann ein Problem, wenn auch auf einer inneren Ebene Stillstand herrscht, wenn sich die Figuren nicht weiterentwickeln. In „Schwindel“ wiederholen sich Situationen in recht ähnlicher Weise, ohne dass etwas Neues hinzukäme, was die Lektüre für mich immer wieder etwas ermüdend machte. Die Geschichte konzentriert sich stark auf Keely und Gemma, andere Figuren wie Keelys Schwester oder seine Ex-Frau treten auf und verschwinden recht schnell wieder. Ich hätte gern mehr über sie erfahren: Hier hätte der Roman noch einmal eine andere Tiefe gewinnen können, aber natürlich wäre „Schwindel“ dann ein anderes Buch mit anderem Schwerpunkt gewesen, das der Autor aber so nicht schreiben wollte. Ich habe den Roman seltsam unscharf empfunden, als unpräzise, bedingt durch die Wiederholungen und die Längen.

Trotz alldem ist „Schwindel“ ein Roman, der sicher seine Leser finden wird, um einen Mann in einer Krise, der sich in der Mitte des Lebens neu finden muss, wenn er nicht vor die Hunde gehen will und der durch die Wiederbegegnung mit Gemma an alte Zeiten erinnert wird. Diese Begegnung ist eine Chance für Keely. Eine Geschichte manchmal ohne Hoffnung, manchmal voll von ihr, in einer rauen Sprache, die eine Stimmung schafft, die ihrer Handlung angemessen ist.

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