„Die Liebe sucht man sich nicht aus, mein Herz“

4301-eins-im-andern_schwitter„Wie kann einen die Nachricht vom Tod eines Menschen so treffen, den man jahrelang nicht vermisst hat?“ S. 23

Mit dieser Nachricht fängt alles an: Die Protagonistin und gleichzeitig auch Erzählerin von Monique Schwitters Roman „Eins im Andern“ sollte eigentlich arbeiten und an ihrem Buch schreiben. Da kommt sie auf die Idee, im Internet nach ihrer ersten Liebe zu suchen. Petrus, so war sein Name und „war“ ist das richtige Wort, um von ihm zu reden, wie sie feststellt, denn er lebt nicht mehr. Bereits vor über vier Jahren hat er sich durch einen Sprung aus dem 8. Stock das Leben genommen.

Sie ist fassungslos, erinnert sich aber auch daran, dass er seinen Selbstmord – zumindest erklärt sich das aus der heutigen Perspektive heraus – schon damals angekündigt hatte. Sobald er könne, wolle er gehen, hatte er gesagt und auf die Frage, wohin er denn gehen wolle, nicht geantwortet, sondern nur die Arme ausgebreitet und gelächelt.

Gehen, das scheint auch etwas zu sein, das die Protagonistin lernen muss. Im Januar 2013 beginnt sie ihre Reise in die eigene Vergangenheit, zwölf Monate dauert diese Reise und an zwölf Männer erinnert sie sich zurück, die die Namen der zwölf Apostel tragen. Anders, als man es nach der Lektüre des Klappentextes erwarten könnte, geht es hier mitnichten um zwölf abgelegte Liebhaber, nicht um zwölfmal romantische Liebe. Sie erinnert sich an zwölf Männer, die ihr wichtig waren, die eine zentrale Rolle gespielt haben oder nur kurz ihren Weg streiften, die auf die ein oder andere Weise Teil ihres Lebens waren oder sind. Immer mehr in den Vordergrund gerät dabei ihr aktueller Mann, der Ehemann. In dieser Beziehung gibt es gerade große Probleme. Und wenn der Leser am Ende der Geschichte mehr über das Leben und die Vergangenheit der Frau weiß, wenn sich einiges geklärt und auch ineinander gefügt hat, dann sind wir vielleicht der Antwort auf die Frage näher, ob sie das Gehen gelernt hat.

„Eins im Andern“ ist eine Geschichte um Liebe, um die Liebe in ihren unterschiedlichen Facetten. Wen hat unsere Protagonistin geliebt, wer war wichtig in ihrem Leben? Wie sehr prägen die Menschen uns, die uns begegnen, auch wenn es manchmal nur kurze Episoden sind, wenn der andere vielleicht gar nicht weiß, welchen Stellenwert er für uns eingenommen hat? Diese zwölf Männer, an die sie sich erinnert, tragen die Namen der zwölf Apostel des Neuen Testaments. Ein Zusammenhang, der sich vielleicht nicht immer unmittelbar von dort, das heißt aus der Bibel, hierher, also in den vorliegenden Roman übersetzen lässt, aber das ist auch gar nicht nötig. Schwitter selbst erklärt den Zusammenhang zwischen Religion und Liebe: Die Liebe sei so gewaltig, so allumfassend, dass ihr immer auch das Transzendente, das Göttliche anhafte.

Die Liebende sucht in Gedanken immer wieder den Rat ihrer verstorbenen Großmutter. „Die Liebe sucht man sich nicht aus, mein Herz“, so hatte diese immer wieder gesagt und so hatte die Großmutter selbst, als sie auf ihren späteren Ehemann traf, sofort vor ihren Gefühlen für ihn kapituliert und es wie ein schweres Schicksal auf sich genommen, von nun an an diesen Mann, den sie doch liebte, gebunden zu sein. Bis zu ihrem Tod.

„Eins im Andern“ ist ein ebenso nachdenklicher wie gleichfalls unterhaltender und kurzweiliger Roman. Eine Geschichte über die großen Themen, aber – oder vielleicht genau deshalb – eine Geschichte mitten aus dem Leben.

Ich wünsche diesem klugen Roman um eine Frau auf der Suche nach dem Wesen der Liebe und nach der Antwort auf die Frage, wie es für sie weitergehen soll, viele Leser. Einem Roman voller Fragen, über den Lauf der Zeit, über die Menschen, die uns begegnen und darum, wie wir unser Leben leben wollen. Schließlich haben wir die Wahl – oder?

„Es gibt keinen Grund, traurig zu sein, mein Liebchen, es endet, wie es beginnt, …“ S. 58

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