Über Religion, Renaissance – und Liebe

TA_1683-6_Dutli_Liebende-lay2n.inddOb „Die Liebenden von Mantua“ sich wirklich geliebt haben, ist erst einmal gar nicht so klar, als im Jahr 2007 zwei 6000 Jahre alte Skelette gefunden werden, die einander zugewandt liegen und sich augenscheinlich umarmen – eine romantische Vorstellung, dass man die beiden gemeinsam begraben hat, dass sie auch im Tod nicht ohne einander sein wollten. Dieser Fund ist eine Sensation, ruft Forscher auf den Plan, das Paar steht im medialen Interesse, das allerdings wieder sinkt, spätestens mit der Wirtschaftskrise und einem Erdbeben im Jahr 2012.

Schriftsteller Manu und Journalist Raffa treffen sich zu dieser Zeit zufällig in Mantua, es gibt eine gemeinsame Vergangenheit in Paris, über die der Leser immer nur nach und nach Näheres erfährt, eine Eifersuchtsszene wird erwähnt, aber im Heute ist die beteiligte Frau längst Geschichte – zumindest sind sie und Manu schon seit vielen Jahren getrennt. Vergessen hat er sie nie. Das Wiedersehen der Freunde erfreut beide gleichermaßen, und sie verabreden sich für zwei Tage später, Manu allerdings taucht am vereinbarten Treffpunkt nicht auf. Während Raffa nicht wahrhaben will, dass Manu die Verabredung doch nicht so wichtig gewesen sein könnte, wie er sich sicher ist, gespürt zu haben, lernt er Lorena kennen. Sie arbeitet in dem Hotel, in dem er abgestiegen ist und berichtet Raffa davon, gesehen zu haben, wie Manu entführt wurde. Und sie hat Recht: Manu wird von einem rätselhaften „Conte“ gefangen gehalten, der eine seltsame Vision hat, eine Vision einer neuer Religion.

„Und wissen Sie, am meisten hat mich dieses Kreuzessymbol angewidert… eine Religion, dessen Hauptakteur ein gefolterter, blutender geopferter Gottessohn sein soll. Eine Ikone des Schmerzes, dieser großen Zumutung, die der Weltenschöpfer sich hat einfallen lassen. […] Ich suche nach einer neuen Religion und einem neuen Symbol, das dieses ewige Folterbild aus der Welt werfen soll.“ S. 68f

Der Conte hat, wie er selbst zugibt, die Skelette der beiden Steinzeitliebenden entführt und will sie zum Symbol dieser neuen Religion machen, einer Religion der Liebe. Und Manu soll die Charta dieser neuen Religion formulieren. Erst wenn er diesen Auftrag erfüllt habe, werde der Conte ihn zurück in die Freiheit entlassen.

Ralph Dutli hat sich in diesem, seinem zweiten Roman, viel vorgenommen. So ist das Buch prall gefüllt mit kunstgeschichtlichen Ausflügen in die Renaissance. Es enthält die angesprochenen Passagen darüber, wie ein positiver besetztes Religionssymbol aussehen könnte – wobei diese Idee durch den offenbar verrückten Grafen, der sie verkörpert, ad absurdum geführt wird. Immer wieder verschieben sich Realität und Traum bzw. Vision, ganze Dialoge finden nicht statt, sondern werden von den Protagonisten imaginiert.

So kann man dem Roman sicherlich vorwerfen – und in anderen Rezensionen ist genau dies geschehen – dass er überfrachtet ist, dass die Handlung unter dieser Überfrachtung leidet und zu kurz kommt bzw. dass die Geschichte einfach zu dünn und das Ende dann aber zu dick aufgetragen ist. All diese Kritikpunkte kann ich nachvollziehen, obwohl ich sie nicht so empfunden habe. Mir hat Dutlis Roman gut gefallen, seine kreative Sprache, seine ausdrucksstarken Bilder, seine Wortmalereien, über die man geteilter Meinung sein kann. Vor allem versetzt Dutli den Leser gekonnt nach Italien und fängt die mediterrane Stimmung gut ein. Ich bin gern mit Raffa und Lorena auf die kunstgeschichtlichen Ausflüge gegangen. Ich habe mit Interesse verfolgt, wie die Liebe sich als Thema durch den kompletten Roman zieht, zum übergeordneten Thema wird, im Großen und im Kleinen.

„Manu hatte damals in der Rue de la Tombe-Issoire davon geträumt, mit Laure so aus dem Leben zu gehen. Als sie aufwachten, wischte Laure alle Pläne mit einem entwaffnenden Lächeln beiseite, das besagen sollte: Du spinnst ja, wir sind noch lange nicht dort, das Leben will noch ganz andere Dinge von uns. Aber Manus Traum kehrte beharrlich wieder. Nur nicht loslassen müssen, verschlungen bleiben, untrennbar ineinander verschoben, ich weiß nicht, wo du beginnst, du weißt nicht, wo ich ende.“ S. 195

„Die Liebenden von Mantua“ lebt in erster Linie von seiner Sprache und von der Atmosphäre, die der Autor schafft. Hat sich der Autor mit seiner Vermischung von Themen, ja von Genres am Ende übernommen? Ist dies nun so sehr eine Geschichte um Liebe, dazu ein Krimi, außerdem ein Kunstgeschichtsessay, dass es am Ende nichts von alledem ganz, sondern alles nur halb und unvollständig ist? Eine Frage, die die Leserschaft ganz offenbar spaltet. Für die Rezensentin war der Mix genau richtig.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 3. August 2015
  • Verlag: Wallstein Verlag
  • ISBN: 978-3-8353-1683-6
  • Gebunden: 276 Seiten
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