Am Wendepunkt

Lappert_24905_MR.inddLennard Salm ist Anfang 50 und lebt seit vielen Jahren als Künstler in den USA. Zu seiner Familie hat er sporadischen Kontakt. Als seine ältere Schwester an einem angeborenen Herzfehler stirbt, reist er eher widerwillig in die Hamburger Heimat. Dort trifft er auf seine Schwester Bille, zu der er das engste Verhältnis hat, auf seinen Vater Albert, den das Alter inzwischen gezeichnet hat und der die Hilfe der Polin Bascha benötigt, die für ihn sorgt. Die Eltern hatten sich getrennt, als Lennard noch ein Kind war. Die Beziehung zur Mutter ist distanziert, Lennard ist der Einzige der Geschwister, der vom wahren Grund der Trennung der Eltern weiß, mit der sein jüngster Bruder Paul zu tun hat, auf den er nun ebenfalls wieder trifft.

Nachdem Lennard also halbherzig nach Gründen gesucht hat, nicht nach Deutschland fliegen zu müssen, fällt es ihm zunächst schwer, seiner Familie entspannt gegenüber zu treten. Was als Stippvisite geplant war, dauert aber an und schließlich stellt Lennard fest, dass er in sein altes Leben nicht mehr zurück will und dass er seine künstlerische Laufbahn beenden möchte.

Er verbringt viel Zeit mit Bille, die sich von einem Job zum nächsten hangelt und er beschließt, bei seinem Vater einzuziehen. Plötzlich besteht das Leben aus den einfachsten Tätigkeiten und Lennard lebt zunächst in den Tag hinein, wartet auf sein Gepäck, das die Fluggesellschaft fehlgeleitet hat und irgendwie auch darauf, ganz plötzlich zu wissen, wie sein Leben weitergehen soll.

„Über den Winter“ bleibt Lennard in Hamburg und von diesem Winter erzählt Rolf Lappert in seinem neuesten Roman, mit dem der Autor zum zweiten Mal seit 2008 (damals mit „Nach Hause schwimmen“) für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Lappert erzählt seine Geschichte in stets ruhigem, unaufgeregten Ton, beschreibt das Leben Lennards gerade heraus. Vordergründig sind es Alltäglichkeiten, Gespräche mit den Geschwistern, der Kontakt zu einer Nachbarin und ihrem pubertierenden Sohn und anderen Hausbewohnern. Auch der Versuch, seinem Geschäftspartner Wieland aus dem Weg zu gehen, der eine Art Mäzen seiner Kunst ist. Darüber hinaus aber beschreibt Lappert gekonnt eine Familie mit ihrer ganz speziellen Dynamik. Lennard ist an seine Familie gebunden und kann diese Verbindung nicht einfach kappen  – selbst wenn er das wollte, was aber, wie deutlich wird, gar nicht der Fall ist. Das Verhältnis zur Familie mag kompliziert sein, das Verhalten in ihr folgt eigenen Gesetzen. Es ist nicht immer einfach, sich in diesem Gebilde, dessen Regeln vor langer Zeit festgesetzt wurden, zu behaupten bzw. sich eben diesen Regeln zu entziehen oder in der Familie plötzlich eine andere Rolle einnehmen zu wollen. Lennard steht an einem Wendepunkt. Als Wieland ihn fragt, was er denn mit seinem Leben nun tun möchte – in seinem Alter – weiß Lennard darauf keine Antwort. Kann er das, einfach so ein anderes Leben leben?

„Über den Winter“ konnte mich nicht ganz so mitreißen wie 2010 Lapperts letzter Roman für Erwachsene „Auf den Inseln des letzten Lichts“. (2012 erschien das Jugendbuch „Pampa Blues“) Auch dort war Familie, in dem Fall eine enge Geschwisterbeziehung, Thema der Geschichte. In Lapperts neuem Roman hatte ich zuweilen das Gefühl, ein wenig ziellos umherzutappen. Wo führt diese Geschichte mich hin? Wohin geht diese Reise? Genau genommen überträgt sich in dieser Ziellosigkeit, die ich beim Lesen manchmal gespürt habe, aber nur die seelische Verfassung des Protagonisten auf den Leser. So hat auch das Gefühl des vorübergehenden Verlorenseins seinen Sinn. Lapperts erzählerische Leichtigkeit und Unaufgeregtheit machen „Über den Winter“ zu einem sehr lesenswerten Buch über einen Mann in der Mitte des Lebens.

 Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 24. August 2015
  • Verlag: Hanser Verlag
  • ISBN: 978-3-446-24905-9
  • Fester Einband: 384 Seiten
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