Kein Sommer zum Sterben

Alles zähltAls die Frau, um die es in diesem Roman geht, zum wiederholten Mal an Krebs erkrankt, schickt man ihr, der Journalistin und Schriftstellerin, ein Buch über das Sterben.

„Sie brauchte Tage dafür, obwohl es dünn war. Sterbebücher neigen dazu, kurz zu sein. Die meisten Schriftsteller fangen spät damit an, da wird die Zeit, sie zu schreiben, oft knapp.“ S. 131

Und obwohl „Alles zählt“, der vorliegende gerade erschienene Roman von Verena Lueken, ein dünnes Buch von ca. 200 Seiten über eine schwere Krankheit ist, fragte ich mich bei der Lektüre von Zeit zu Zeit, was ich hier eigentlich lese. Ein Buch über das Leben oder das Sterben? Vielleicht eines darüber, wie man mit der Möglichkeit umgeht, möglicherweise bald sterben zu müssen? Darüber, wie man es schaffen kann, sich trotzdem nicht vor dem Leben zu verschließen? Die Frage, warum dieses Buch geschrieben wurde, stellte sich mir immer wieder.

Diese Frau also, die Hauptfigur in Luekens Geschichte, deren Name der Leser nie erfährt, erkrankt zum bereits dritten Mal an Krebs. Zweimal hat sie ihn schon besiegt, nicht endgültig, wie nunmehr erneut klar wird, da bricht er wieder aus. Sie ist Deutsche, die in New York lebt, und dort wird sie dann auch operiert, dort erholt sie sich, so gut es geht, von der Behandlung.

„Die Schmerzen aber waren schneidend, bohrend, drückend, kreischend, hämmernd, zischend, brüllend in ihr geblieben, so dass sie sich damals geschworen hatte: nie wieder. Aber die Chirurgin mit den Eisenhänden hatte ihr, als es dann doch wieder so weit war, versprochen: So wie damals wird es nicht wieder sein. Und doch war es wieder genauso und noch mehr. Sie wusste nicht, für wen die Enttäuschung darüber größer war, für sie, die litt, oder für die Chirurgin von internationaler Autorität, für die dies eine Schlappe in ihrem aufs Perfekte ausgerichteten Berufsverständnis war.“ S. 99

Der Fokus der Geschichte liegt nun nicht nur auf der Beschreibung der Krankheit und der Therapie. Der Roman hält jedoch auch nicht allzu viele Geschehnisse in der Gegenwart bereit, zumindest in seinen ersten beiden Teilen nicht. Hier erfährt der Leser viel über die Beziehung der Protagonistin zu ihrer Mutter und über ihre Kindheit. Auffällig ist, dass Familienmitglieder ebenso wie die Hauptfigur selbst nie namentlich genannt werden, auch der Freund der Romanheldin wird stets nur S. genannt, ihre Brüder dem Alter nach A. und B. Dagegen gibt es aber sehr wohl Personen, deren volle Namen wir erfahren, allerdings sind das nicht jene, die ihr besonders nahe stehen.

Man geht anders mit jemandem um, um dessen schwere Krankheit man weiß: Nur wichtige, schwere Themen spricht man ihr gegenüber an, als wäre es nun nicht mehr in Ordnung, über Alltägliches zu reden. Sie will das nicht. Sie will keine Überlebende sein. Für sie gibt es nur das Leben oder den Tod. Wenn der Krebs überwunden ist, dann möchte sie auch die Verbindung zu ihr kappen. Sie vergessen. Als das Schlimmste vorbei ist, begibt sie sich auf eine Reise nach Myanmar, an einen Ort, an dem sie schon einmal war, um dort jemanden wieder zu finden. Damit sich ein Kreis schließen kann – vielleicht.

Verena Lueken erzählt diese Geschichte ihrer Protagonistin in lakonischem Ton, teilweise geht sie ihr ernstes Thema sehr distanziert an, zumindest sprachlich. Diese Frau ist sehr klar in ihrem Denken, verliert nie ihre Würde und ihren Stolz. Sie will sich von der Krankheit nicht unterkriegen, nicht dominieren lassen. Ihr realistisch ins Auge sehen, sie bekämpfen, nicht tatenlos sein. Auf intensive Art und Weise wird die Erkrankung und das Leben mit ihr immer wieder beschrieben und beleuchtet, so dass man am Ende eine Ahnung hat, wie es sein könnte, wäre man selbst betroffen. Wobei gleichzeitig gewiss ist: Das hier ist nur eine Möglichkeit. Ein anderer Mensch geht anders mit Krebs um. Die Heldin bleibt dennoch immer ein wenig fremd – ein Widerspruch? Man ist so nah dran als Leser, vor allem an der Krankheit. Womöglich braucht diese Protagonistin die Distanz. Und das wiederum funktioniert: Durch den Abstand treffen die Beschreibungen vielleicht nicht unmittelbar, dafür aber nicht weniger intensiv.

In Luekens „Alles zählt“ zählt so tatsächlich alles, all jenes, das der Hauptfigur gerade wertvoll und wichtig ist. Was das Buch seinen Lesern also mitgeben möchte? Vielleicht möchte es einfach nur zeigen und beschreiben. Es bildet eine fest umrissene Zeit im Leben der Protagonistin ab, es lädt ein, mit ihr in die Vergangenheit zu reisen und in ihre Gedanken. Bei all der Intensität, mit der das, was mit der Krankheit zu tun hat, geschildert wird, bei all der Wucht, die sich hier entlädt und der man sich als Leser kaum entziehen kann, stellt sich die Frage, ob die Autorin hier vielleicht aus eigener Erfahrung schreibt. Ob es so ist, weiß ich nicht – und ich muss es auch nicht wissen. Vielleicht sollte man „Alles zählt“ einfach in sich aufnehmen, auf sich wirken lassen und über diese starke, intelligente Frau lesen, die ihren Krebs so gekonnt in Worte zu fassen vermag. Am Ende war mir die Frage, was genau ich da lese, nicht mehr wichtig. Es steckt so viel in diesem dünnen Buch, das doch kein Sterbebuch sein will.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 17. August 2015
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04797-4
  • Gebunden: 208 Seiten

 

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