Einfach aufhören zu fliegen

MauerseglerBis vor kurzem stand auf der Autorenseite von Christoph Poschenrieder (ich glaube mich genau zu erinnern, für den Wortlaut kann ich aber nicht mehr hundertprozentig garantieren):

Schreiben? Ganz einfach – die Buchstaben in die richtige Reihenfolge bringen.

Der geneigte Leser konnte dann mit der Maus durch die darüber stehende Buchstabenwolke fahren und erfuhr eines: so einfach ist es gar nicht, die Buchstaben in die richtige Reihenfolge zu bringen, sie entziehen sich einem nämlich häufig und springen wohin sie wollen.

Poschenrieders Romanen aber merkt man diesen Kampf um die Worte und deren Anordnung zu diesen für ihn typisch leicht aber nie seicht anmutenden Texten in keinster Weise an. Das Sandkorn, der Roman, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2014 stand und mich völlig begeistert hat, hat einen historischen Hintergrund, der mit dem Jahr 1914 verbunden war. Die absolut pointierte Sprache, die lebendige Zeichnung der Figuren und vor allem die Konzeption des Romans machen ihn für mich zu einem Meisterwerk. Ich nehme an, dass Poschenrieder den Deutschen Buchpreis nicht erhielt, weil der Jury die zeitgeistliche gesellschaftliche Relevanz fehlte oder der Roman nicht kompliziert genug daher kam, obwohl er überaus geschickt konzipiert war. Aber das sind subjektive Spekulationen meinerseits.

Nun hat sich Christoph Poschenrieder einem Thema zugewandt, das uns alle irgendwann betreffen wird: Was tun, wenn man alt ist und nicht mehr will. Also leben. Gemeinhin geht der Trend zum „selbstbestimmten“ Leben in einer Gemeinschaft, die ein Mehrgenerationen – Wohnen beihaltet. So stellen viele Menschen es sich angenehm vor, im Alter nicht alleine zu sein, noch gebraucht zu werden und doch nicht jedwede Freiheit aufgeben zu müssen.

Nicht so die fünf langsam in die Jahre gekommen Herren, die sich schon als Kinder kannten. Jedes Jahr trafen sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt. Egal, wohin der Job oder das Leben sie verschlug – dieser Termin war heilig. Und bei einem dieser Termine wurden sie sich einig über eine gemeinsame WG – ganz ohne Ehefrauen oder Familien. Nur die fünf Freunde und ein ausgeklügeltes Computerprogramm namens „Todesengel“, das den Fall der Fälle – also das erwünschte vorzeitige eigene Ableben, wir vorher festgelegt, regeln sollte.

Dass die fünf Männer, die eigentlich grundsätzlich verschiedener nicht sein könnten, über die Jahre doch enge Freunde geblieben sind und nun gemeinsam alt werden wollen, liegt an dem, der fehlt: der kleine Martin. Ertrunken war er – unter nicht ganz geklärten Umständen. Derjenige, der seit Jahren fehlt, hält sie zusammen.

Was jetzt alles so trocken oder ältlich und schwermütig klingen mag, verpackt Christoph Poschenrieder in seiner ihm eigenen Art und Weise: Durch unglaubliches Sprachgefühl, virtuose Konstruktionskunst und umwerfenden Sinn für Situationskomik.

So manches Mal ertappte ich mich dabei, laut beim Lesen zu lachen und dann wieder in der Darstellung der Figuren und deren Eigenheiten etwas zu entdecken, das auch mich manchmal so langsam beschleicht. Mit den Jahren denkt man anders, man besinnt sich im besten Fall auf einen angenehme Gleichmut, entwickelt ein paar schräge Eigenheiten, die aber liebenswert sein können. Im schlechtesten Fall wird man unkommunikativ und griesgrämig. Das aber ist keinem der fünf Männer in der Wohngemeischaft in der Villa passiert.

Sehr amüsant und realitätsnah schildert Poschenrieder zum Beispiel die Suche nach einem weiteren Mitbewohner. Was die Kinder der hoffnungsvollen Aspiranten nicht alles anstellen, um ihre lieben Eltern gut untergebracht und bestens versorgt – und das hoffentlich ohne ihr direktes Zutun – zu wissen. Einfach köstlich. Und nie überspannt oder zu dick aufgetragen.

Ich bin bekennender Poschenrieder – Fan, das gebe ich unumwunden zu, aber das hat auch einen Grund: Die sympathische bei mir ankommende Art eines nirgends außer auf der eigenen Webseite im Netz auffindbaren Autors, der es meiner Meinung nach wie kein anderer versteht, auch ernsthafte Themen mit einem Augenzwinkern zu servieren, ohne jemals ins Seichte abzurutschen. Und seine Sprache, die mich immer wieder erstaunt und verzückt zurück lässt.

Offensichtlich fällt es Herrn Poschenrieder in keinem Genre schwer, die Buchstaben in die richtige Reihenfolge zu bringen. Hoffen wir, dass er das noch oft tun wird!

PS: auf der Autorenseite gibt es jetzt eine Zusatz: wer möchte, kann dort genauer nachvollziehen, was es mit dem Todesengelprogramm auf sich hat. Wie immer bleibt H. Poschenrieder auch hier vielschichtig!

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 26. August 2015
  • Verlag : Diogenes Verlag
  • ISBN: 978-3-257-06934-1
  • Gebunden: 224 Seiten

 

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6 Gedanken zu “Einfach aufhören zu fliegen

  1. Supi! Ich muss sagen, Poschenrieders Erstling hat mich damals nich so wirklich umgehauen. Mag aber auch am Zeitpunkt der Lektüre gelegen haben. Zum Glück hab ich aber den Autoren nicht aufgegeben. Den Spiegelkasten habe ich mit Genuss gelesen, ebenso wie jetzt den Mauersegler.
    Das Sandkorn ist aus unerfindlichen Gründen an mir vorbei gegangen 😦
    Was sagst du zu den Bezügen seiner Bücher untereinander? Den Mauerseglern ist ja ein Schopenhauer-Zitat voran gestellt und an einer Stelle kommt das Buch Spiegelkasten zur Sprache. Ist das im Sandkorn ähnlich?

    Viele Grüße aus Köln

    Gefällt 1 Person

    • Das Sandkorn war mein erster Poschenrieder und er war großartig. Mauersegler ist anders, nicht schlechter, aber Das Sandkorn war einfach genial. Dort habe ich auf seine früheren Bücher keinen Verweis finden können. aber es ist genial gemacht oder?
      LG, aus Berlin

      Gefällt 1 Person

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