Beruf Bestatter

TA-1604-1_Weyand-Applaus_lay-3n.inddAuch ich bin eine von denen, die jedes Jahr mit Interesse die Longlist des Deutschen Buchpreises studieren, kaum dass sie erschienen ist. Und natürlich fehlen auch mir einige Titel auf der Liste. So hielt ich die Romane Stephan Thomes und Klaus Modicks für gesetzt, gefreut hätte ich mich sehr für Ulla Lenze und Alain Claude Sulzer, mit den Romanen von Peter Richter und Feridun Zaimoglu hatte ich gerechnet und lag damit richtig. Die Romane von Rolf Lappert und Jenny Erpenbeck stehen schon auf meiner Wunschliste, ganz unabhängig vom Buchpreis. Aber jedes Jahr gibt es auch jene Bücher, von denen ich noch nichts gehört oder die ich kaum wahrgenommen hatte. Einige dieser Bücher sprechen mich nicht an, andere Bücher interessieren aber bei näherem Hinsehen sehr wohl. Einer dieser Romane ist „Applaus für Bronikowski“ von Kai Weyand.

Der Held des kurzen Romans ist Nies, der sich selbst NC nennt (und Wert darauf legt, dass das C englisch ausgesprochen wird), NC für No Canadian. Als NC 13 war, verkündeten seine Eltern ihm und seinem älteren Bruder Bernd, dass sie im Lotto gewonnen hätten und sich nun ihren Lebenstraum erfüllen würden: die Auswanderung nach Kanada. Die beiden Söhne kamen in diesem Traum nicht vor, NC sollte die Jahre bis zur Volljährigkeit in Bernds Obhut verbringen.

Am Anfang dachte ich: Wirklich? Ein Lottogewinn und Eltern, die es kaum erwarten können, die beiden Söhne auf einem anderen Kontinent zurückzulassen? Einfach so? Das erschien mir doch arg konstruiert. Außerdem empfand ich diesen NC als so betont witzig und anders, dass ich schon versucht war, das Buch zur Seite zu legen.

Aber dann nahm mich die Geschichte mehr und mehr gefangen. NC ist nun Anfang 30, seine Freundin hat ihn verlassen, seinen Job hat er verloren, Freunde hat er sowieso nicht. Der Bruder ist erfolgreicher Banker in London, seine Eltern melden sich sporadisch aus Kanada und fragen nach seinem Leben. NC hat ihnen ihren Weggang zu einer Zeit, in der er sie gebraucht hätte, niemals ganz verziehen, Thema ist das aber nicht mehr.

Zufällig findet er einen Job in einem Bestattungsunternehmen. Zunächst noch etwas skeptisch, lässt er sich darauf ein, widmet sich völlig dieser neuen Lebensaufgabe und geht darin auf. Seine Familie ist entsetzt und fragt sich, ob mit NC alles in Ordnung ist. Und auch seine Ex-Freundin, der er davon erzählt, glaubt, dass NC nun völlig verrückt geworden ist. Aber NC genießt seinen neuen Alltag bei Bestatter Manfred, den er zunächst nur „Lincoln“ nennt, dessen Frau Sabine, die darauf besteht, dass man Witze über ihre Kleinwüchsigkeit macht und dem Kasachen Viktor, der seine eigene Logik bei der Sicht auf die Welt mitbringt.

„Seine Erfahrungen als Gewichtheber hatten seine Weltanschauung geprägt. Das Leben war für ihn wie eine Hantelstange, die es zu stemmen galt. Und dafür brauchte es nur die Entscheidung, es in die Hand zu nehmen. […]  Der Tod war etwas, das nicht zu stemmen war. Deshalb lehnte Viktor es ab, sich Gedanken über den Tod zu machen. […] Ihm gefiel das deutsche Wort Kopfzerbrechen. Für ihn steckte in dem Wort viel Wahrheit: Wenn man zu viel nachdachte, zerbrach man sich den Kopf und starb früher.“ S. 69

„Applaus für Bronikowski“ ist die Geschichte eines jungen Mannes, der nicht so recht weiß, wohin er gehört, wohin sein Weg ihn führt, ja, was er überhaupt will. Die Arbeit mit den Toten macht ihn nachdenklich.

„Die Toten spielten nichts vor, alles an ihnen war echt und wahrhaftig. Nur auf den ersten, flüchtigen Blick war die Begegnung mit ihnen unheimlich, auf den zweiten sah man auf den Gesichtern die Entspannung und nicht selten ein Lächeln. Bei den Lebenden kam es ihm oft umgekehrt vor. Auf den ersten Blick schienen sie freundlich und ehrlich, und erst auf den zweiten Blick erkannte man die Maske, das Falsche, das Verlogene.“ S.68

Schon nach wenigen Seiten empfand ich diesen NC nicht mehr als aufgesetzt, sondern als etwas eigenwilligen Mann mit dem Herz am rechten Fleck. Die Geschichte hält einige absurde Wendungen bereit, die die Frage in den Mittelpunkt rücken, was Würde eigentlich ist und wie auch die Toten sie noch erfahren können. NC sieht sich nicht nur als Dienstleister und so kommt er auf unkonventionelle Ideen, die nicht nur auf Gegenliebe stoßen.

Alles in allem ist „Applaus für Bronikowski“ eine meist leichte Geschichte, die ein ernstes Thema in den Mittelpunkt stellt, um einen Protagonisten, der sein unkonventionelles Leben so lebt, wie es ihm passt. Zuweilen sehr komisch mit einem teils schrulligen Figurenpersonal und einer Hauptfigur, die nach einem Sinn sucht. Das alles auf unterhaltsame Weise. Ein Roman, der den Deutschen Buchpreis wohl nicht gewinnen wird, aber lesenswert ist er allemal.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 2. März 2015
  • Verlag: Wallstein Verlag
  • ISBN: 978-3-8353-1604-1
  • Gebunden: 188 Seiten
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