Fremde Heimat

Siebentürmeviertel„Sie nennen mich Hitlers Sohn. Flüchtiger Arier. Kind mit Kraft. Sie nennen mich Windhundwelpe des Führers. Sie rufen mich den Gelben, die kleine Sonne, Zauberperle, lachendes, glückliches Äffchen. Sie sagen: Verwandle dich nicht, und wir werden dich bewundern. Sie wollen mir schmeicheln, also lächele ich sie an.“ S. 7

Im Siebentürmeviertel in Istanbul in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts leben Menschen verschiedener Religionen und Kulturen meist friedlich mit-  bzw. nebeneinander. Man achtet und respektiert sich, wenn das Leben auch nicht ohne Spannungen verläuft. Der Junge Wolf, zu Beginn der Geschichte gerade mal sechs Jahre alt, kommt mit seinem Vater Franz nach Istanbul. Dieser ist vor den Nazis geflüchtet, da er sich kritisch gegenüber der Partei geäußert hat und in Deutschland nicht mehr sicher ist. Zunächst leben sie zusammen in der Familie von Abdullah Bey, zu der noch die Ehefrau Bayka Hanim, die Tochter Derya und der Sohn Batur gehören, sowie die Großmutter Tete. Doch Franz verlässt das Haus und auch die Stadt kurze Zeit später, um außerhalb Istanbuls zu arbeiten, während er Wolf in Abdullah Beys Obhut belässt. Bald nennt Wolf seine Gasteltern Vater und Mutter, Franz sieht er zwar noch, aber im Laufe der Zeit werden diese Begegnungen immer seltener.

In der bunten Mischung aus Türken, Armeniern, Tschetschenen, aus Muslimen, Christen und Juden, erobert sich Wolf einen Platz und empfindet das Siebentürmeviertel schon bald als sein zu Hause. Von den Einheimischen wird er „Arier“ oder „Hitlersohn“ genannt – mitnichten ist das als Beleidigung gemeint. Wolf nimmt es hin. Die Nazis sind weit weg und spielen für sein Istanbuler Leben fast keine Rolle. Auf der einen Seite bleibt Wolf ein Fremder, gehört aber andererseits doch dazu. Er findet Freunde, streitet und prügelt sich, um sich dann wieder zu vertragen. Irgendwann jedoch wird aus Spaß Ernst und Wolf gerät selbst in Gefahr.

Feridun Zaimoglu hat mit „Siebentürmeviertel“ wohl sein Opus Magnum vorgelegt. 800 Seiten umfasst sein neuester Roman, wobei sich eine solche Einordnung natürlich nicht nur auf die Quantität bezieht. Ganz leicht macht er es seinen Lesern nicht. Die Geschichte wird komplett aus der Sicht Wolfs erzählt, der ein sympathischer Held mit Prinzipien ist: Schon als kleiner Junge macht er seinen Mitmenschen klar, dass er keine Geheimnisse ausplaudert und alles, was er zufällig mitbekommt oder ihm im Vertrauen zugetragen wird, bei ihm sicher ist. Er hält Wort, niemals verrät er jemanden. Eine Tugend, die bei den Istanbulern gut ankommt. Wolf ist ein loyaler Freund und Sohn, seine Zieheltern achtet er sehr.

Die Erzählweise Wolfs bringt es mit sich, dass der Leser immer (nur) das weiß, was auch Wolf weiß. Dabei ist der Roman recht dialoglastig, viele Geschehnisse werden also über die Berichte seiner Figuren vermittelt. Einiges muss man sich aber auch erschließen und ja, hier erfährt der Leser manchmal Wichtiges am Rande. „Siebentürmeviertel“ verlangt die komplette Aufmerksamkeit seiner Leser (So, wie es bei jedem Buch sein sollte). Wenn man sich erstmal eingelesen hat in diese recht nüchterne, ungewöhnliche Sprache, dann kann man völlig eintauchen in diesen seltsamen Kosmos Istanbul mit seinen teils skurrilen Figuren und seinem jungen Helden Wolf. Auch wenn man immer ein wenig auf Distanz bleibt.

„Siebentürmeviertel“ besteht aus vielen kleinen Episoden um verschiedene Menschen, die in Wolfs Nachbarschaft leben. Aus ihren ganz alltäglichen Lebenssituationen. Liebe, Freundschaft, Betrug, schließlich auch Hass. Erzählt wird in 99 Kapiteln, denen die 99 Namen Gottes vorangestellt werden, die der Islam für Gott hat. All diese kleinen Geschichten schließen sich zusammen zu einer großen Geschichte, der Geschichte des Siebentürmeviertels. Einem Ort, an dem die Religionen, vor allem natürlich der Islam, im täglichen Leben eine große Rolle spielen.

Der Verlag wirbt mit dem Versprechen, dass man etwas wie Zaimoglus Roman „so noch nicht gelesen hat“, und tatsächlich scheint es einen Roman mit einem ähnlichen Setting noch nicht gegeben zu haben. Und auch ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas Vergleichbares gelesen zu haben.

Autor Feridun Zaimoglu, der in der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen ist, hat sozusagen seine eigene Lebenssituation umgekehrt und seinen jungen Helden von Deutschland aus in die Türkei geschickt. In eine neue Heimat:

„Sohn von Abdullah Bey und Bayka Hanim. Kind meines Viertels, Bruder meinen Brüdern. Deutsches Blut. Türkische Haut. Das bin ich. Haus, Hof und Heimatboden. Das liebe ich.“ S. 515

Ich freue mich, dass er es mit seinem neuen Roman wieder auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. „Siebentürmeviertel“ liest sich vielleicht manchmal ein wenig sperrig, aber gerade mit ein wenig zeitlichem Abstand zu diesem Mammutwerk hallt der Roman in mir noch deutlich nach. Ob er ein größeres Lesepublikum wird begeistern können, wird sich zeigen. Ich wünsche es ihm sehr.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 17. August 2015
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04764-6
  • Gebunden: 800 Seiten
Advertisements

4 Gedanken zu “Fremde Heimat

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s