Das Fremde und das Eigene

EuphoriaAnfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts steckt die Ethnologie noch in ihren Kinderschuhen, und auch Andrew Bankson bekommt zu spüren, dass von ihm anderes erwartet wird, als sich der Erforschung von Menschen und ihrer jeweiligen Kultur zu widmen.

„Ich wurde im Glauben an die Wissenschaft erzogen wie andere Menschen im Glauben an Gott oder die Götter oder das Krokodil.“ S. 31

In seinem britisch-konservativen Elternhaus zählen nur die Naturwissenschaften, und da Andrews ältere Brüder jung starben und den Wunsch des Vaters nach einer entsprechenden beruflichen Karriere nicht erfüllen konnten, lastet die Erwartung ganz auf seinen Schultern – aber er wird einen anderen Weg einschlagen.

Die Amerikanerin Nell Stone hat ein viel beachtetes Buch über ihre anthropologischen Studien geschrieben und ist, obwohl noch jung, bereits eine Berühmtheit auf ihrem Gebiet, als sie und ihr Mann Fen auf Andrew treffen. Nell und Fen haben gemeinsam schon eine lange Zeit der Beobachtung verschiedener Stämme hinter sich, Andrew war bei seinen Forschungen allein, was für ihn nur schwer auszuhalten war. Gemeinsam machen sie nun Station bei den Tam in Neuguinea und beobachten diesen weiblich dominierten Stamm, ihr Alltagsleben, ihre Routinen und Rituale.

Lily Kings Roman „Euphoria“ erzählt angelehnt an das Leben der Ethnologin Margaret Mead die Geschichte dieser drei, betont aber im Nachwort, dass der Roman fiktiv sei und seine Geschehnisse frei erfunden. Mit „Euphoria“ ist ihr ein kluger, farbenprächtiger und feinsinniger Roman gelungen.

Nells und Fens Ehe, das begreift Andrew so bald wie auch der Leser, ist nicht gerade von Harmonie geprägt. Fen ist es, der seiner Frau den Erfolg neidet, der glaubt, dass sich am Ende alle nur für Nells Forschungsergebnisse interessieren werden. Das Klima zwischen den beiden scheint des Öfteren vergiftet, Misstrauen herrscht, wenn Fen Nell beispielsweise seine eigenen Erkenntnisse vorenthält, als würde er fürchten, sie könnte sie ihm stehlen. Fen ist oft verletzend. Mit Andrew ändert sich das Gleichgewicht zwischen dem Paar, zunächst geht es harmonischer zu, was sich aber mit der Zeit ändert, als auch die erotische Anziehungskraft zwischen Nell und Andrew immer offensichtlicher wird.

„Es ist ein ziemlicher Eiertanz, den wir drei aufführen. Aber gleichzeitig stimmt die Balance mehr, wenn B. da ist. Fens forderndes, rigides, entschlossenes Naturell drückt die Waagschale schwer nach unten, da bilden Banksons & mein geschmeidigeres, anpassungsfähigeres Wesen auf der anderen Seite ein gutes Gegengewicht. […] Vielleicht sind wir einfach beide ein bisschen verliebt in Andrew Bankston.“ S. 147

Faszinierend zu lesen ist immer wieder, was vor allem Nell und Andrew über den Stamm herausfinden, wie sie die Menschen beobachten, alle Informationen über sie in sich aufsaugen, die dann unaufhörlich in ihren Köpfen zu arbeiten scheinen. Sie hüten sich davor, auf diese fremde Kultur herabzublicken.

„Ich fragte sie, ob sie meinte, dass man eine fremde Kultur jemals restlos verstehen könne. Ich sagte, je länger ich hier sei, desto absurder erscheine mir der Versuch, und im Grunde interessiere mich inzwischen weit mehr die Frage, wie wir überhaupt darauf kamen, uns irgendeine Objektivität anzumaßen, wo wir doch jeder unsere eigene Definition der Dinge mitbrächten, unsere eigene Auffassung von Güte, Stärke, Männlichkeit, Weiblichkeit, Gott, Zivilisation, Recht und Unrecht.“ S. 55

Diese eigene Auffassung bringen die drei mit nach Neuguinea. Und so sehr sie sich auch darum bemühen – zumindest zeitweilig bemühen, um diesem restlosen Verstehen so nahe wie möglich zu kommen – die eigene Kultur lässt sich nicht ablegen. Sie sind allein zu dritt mit ihrem westlichen Weltverständnis, sind Fremde, wo sie doch das Fremde untersuchen wollen. Womöglich trägt das dazu bei, dass nicht alles glatt läuft bei den Tam, wie sehr sie sich das auch gewünscht haben mögen.

Die Einblicke in diese Kultur sind interessant und lehrreich:

„Alleinsein war bei sämtlichen Stämmen, die sie studiert hatte, verpönt. Schon die ganz Kleinen bekamen das eingeschärft. Wer allein war, dem konnten die Geister die Seele stehlen, oder er wurde von Feinden entführt. Wer allein war, dessen Gedanken gerieten auf Abwege.“ S. 161

Lily King zeichnet wie nebenbei Charakterstudien ihrer Protagonisten, beobachtet sie ebenso genau und gekonnt, wie Nell die Menschen des Tam-Stamms beobachtet. Die wechselnde Erzählperspektive bereichert den Roman um immer neue Facetten. Kings treffsichere, leichtfüßige Sprache, mit der sie die Dinge so präzise veranschaulicht, trägt ihren Teil dazu bei, dass das Lesen ihres Romans unterhaltsam und lehrreich zugleich ist. Und manchmal trifft sie unvermutet bis ins Mark.

„… Es fielen so viele Brüder von Schülern, dass man deshalb nicht mehr aus dem Unterricht geholt wurde. Man erhielt ein paar Zeilen auf dem gelben Briefpapier des stellvertretenden Schulleiters, mit dem Hinweis, dass man den Raum verlassen dürfe, wenn nötig. Nicht einmal die größten Memmen unter uns wären auf die Idee gekommen, sich diese Blöße zu geben, also blieb ich an meinem Platz sitzen, während der Lehrer mit dem Stoff weitermachte und meine Klassenkameraden sich hüteten, in meine Richtung zu schauen. Nach Weinen war einem nicht zumute, da noch nicht. Es war mehr ein Gefühl, als schwömme man in Äthylalkohol, wie daheim die Insekten, die wir betäubten. Nachts weinte man dann, weil ringsumher alle weinten, Schlafsäle über Schlafsäle voller Jungen, die im Dunkeln um ihre Brüder weinten.“ S. 35f

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 14. Juli 2015
  • Verlag : Beck Verlag
  • ISBN: 978-3-406-68203-2
  • Flexibler Einband: 262 Seiten
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2 Gedanken zu “Das Fremde und das Eigene

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