Ärztinroman

ArztromanDieser „Arztroman“ ist natürlich nicht so ein Arztroman. Wer Kristof Magnusson kennt, der weiß, was ihn erwartet: Leichte, intelligente Lektüre, mitten aus dem Leben und mit einer gedanklichen Tiefe, die sich hier vielleicht nicht gleich zu Beginn des Romans aufdrängt, die aber im Laufe der Handlung immer deutlicher wird, im Laufe dieser eher ruhig beginnenden Geschichte.

Da ist also Anita Cornelius, Anfang 40, seit noch nicht allzu langer Zeit getrennt von Adrian, der Arzt ist wie sie. Ihr 14-jähriger Sohn Lukas lebt bei seinem Vater und dessen neuer Freundin Heidi, einfach, weil es praktischer ist. Sowieso war diese Trennung eine einvernehmliche, vernünftige, beide hielten sie für das Beste, es gab keinen Rosenkrieg, keinen großen Streit, und man versteht sich noch gut. Lukas hat auch bei Anita ein Zimmer, aber er ist in der Pubertät und nabelt sich langsam ab. Anita weiß, dass das normal ist und hat doch ihre Probleme damit.

Sie hat sich vorgenommen, ihr neues Leben zu genießen, Dinge zu tun, die als Ehefrau und Vollzeitmutter nicht möglich waren. Wenn sie dann aber nach dem Dienst heimkommt, weiß sie mit sich und ihrer Zeit nicht recht etwas anzufangen. Die freien Tage liegen fast bedrohlich vor ihr. Aber die Dinge ändern sich. Anita lernt einen neuen Mann kennen. Und mit Adrian und Heidi läuft dann doch nicht alles glatt.

Magnussons „Arztroman“ erzählt aus Anitas Privatleben, davon, wie sich ihre Welt immer weiter verändert, in eine Richtung, die sie nicht vorhergesehen hat. Auf der anderen Seite begleitet der Leser Anita und Maik, den Rettungsassistenten und guten Freund Anitas, auf ihren Einsätzen. Äußerst kurzweilig werden die Behandlungen der mehr oder weniger stark Verletzten beschrieben, die Routine. Diese Arbeit, die Anita liebt. Zwar ist es als Laie nicht ganz einfach zu beurteilen, aber diese Passagen überzeugen schon allein deshalb, weil ihnen anzumerken ist, wie akribisch der Autor recherchiert hat, um Anitas Arbeit realistisch darzustellen.

Schien der Roman auf den ersten Seiten noch ein wenig gemächlich aus dem Leben Anitas zu erzählen, ohne dass man gleich wusste, in welche Richtung die Ereignisse sich entwickeln würden, so wird dies schließlich immer deutlicher. Man bemerkt kaum, wie man als Leser hineingezogen wird in die Geschichte, bis man dann im letzten Drittel regelrecht mit der Protagonistin mitfiebert, die sich damit auseinandersetzen muss, dass die Trennung von Adrian allein noch nicht die große Veränderung in ihrem Leben war, sondern dass es da plötzlich noch mehr Konflikte gibt.

Hervorzuheben ist dabei auch, wie gut es dem männlichen Autor Magnusson gelingt, seine weibliche Hauptperson schlüssig und glaubwürdig darzustellen. Ihre Stimmungen zu vermitteln, Wut und Einsamkeit, Freude und Zuversicht. Und wie authentisch er diese Phase schildert, in der Anita ihrem Leben noch einmal eine andere Richtung gibt und geben muss. Sie kann nun neue Prioritäten setzen – wobei das mal Fluch, mal Segen ist. So lebt der „Arztroman“ nicht so sehr von Tempo und Komik wie „Das war ich nicht“ (hier die Rezension von awogfli), sondern erzählt die Geschehnisse zwar ohne irgendwelche Längen, aber eben auch nachdenklich. Wenn den Leser die angesprochenen Themen nicht interessieren, wird es schwer, sich für den Roman zu begeistern. Wenn man sich aber auf das Leben und die Gefühlswelt dieser Ärztin einlässt, wird man belohnt mit einer Geschichte, die mit der Zeit an Tempo gewinnt und die mitten aus dem Leben zu kommen scheint. Diese Anita ist allzu menschlich. Hätte man gehandelt wie sie? Oder ganz anders? Schwer zu sagen. „Arztroman“ ist – natürlich – das genaue Gegenteil eines Heile-Welt-Arztroman-Heftchens. Das muss die Rezensentin aus Mangel an persönlich vollzogenen Vergleichen zumindest annehmen.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: August 2014
  • Verlag: Antje Kunstmann Verlag
  • ISBN: 978-3-88897-966-8
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
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