Flucht aus dieser Welt

blinde mörder„Zehn Tage nach Kriegsende lenkte meine Schwester Laura ein Auto von einer Brücke.“

Mit diesem ersten Satz beginnt die Geschichte zweier Schwestern, die in den 20er Jahren in der kanadischen Provinz Ontario aufwachsen. Eingezwängt in die puritanische Erziehung dieser Zeit, entwickeln sich beide Schwestern komplett konträr. Iris, die Ältere, aus deren Sicht der Roman erzählt wird, muss früh in eine Ehe mit einem reichen Industriellen einwilligen, da es der väterlichen Fabrik finanziell schlecht geht. Laura ist die eher weltfremde, träumerische Tochter. Beide verlieben sich in den jungen Agitator Alex Thomas, den sie auf dem Dachboden des väterlichen Hauses vorerst vor den Häschern verstecken. Es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise, der Beginn der Gewerkschaften, beide Lager, Besitzer und Besitzlose, stehen sich unversöhnlich gegenüber. Iris trifft Alex nach ihrer Heirat wieder, eine Ehe die sie nicht erfüllt, ein Ehemann, zu dem sie keine Nähe hat. Das Treffen wird der Beginn einer Affäre:

„War es Verrat oder war es ein Akt der Kühnheit? Vielleicht beides. Für beides braucht man keine Überlegung: diese Dinge ereignen sich in einem Augenblick, in einem Wimpernzucken. Das kann nur so sein, weil sie von uns bereits durchgespielt worden sind, immer und immer wieder, in Stille und Dunkelheit: in derartiger Stille, derartiger Dunkelheit, dass wir selbst nichts davon wissen. Blind, aber mit sicherem Schritt, treten wir vor wie in einen Tanz, den wir seit langem im Gedächtnis tragen.“

Doch der Anfang dieser Affäre, eine Affäre die hauptsächlich in Angst vor der Entdeckung an verschiedenen, verschwiegenen Orten passiert, wurde schon früh gelegt:

„War das der Anfang, dieser Abend – auf der Anlegestelle von Avilion, während das Feuerwerk den Himmel verzauberte? Es ist schwer zu sagen. Anfänge sind plötzlich, aber auch heimtückisch. Sie schleichen sich von der Seite an einen an, sie verstecken sich in den Schatten, sie lauern unerkannt. Dann später, springen sie.“

Alex wird steckbrieflich gesucht, Iris ist die bekannte Ehefrau eines Industriellen. In ihren Liebesnestern erzählt Alex Iris Geschichten. Er verdient sein Geld durch das Schreiben von Science-Fiction-Geschichten, die damals noch als Schund gelten. Ihr erzählt er die sagenhafte Geschichte des blinden Mörders, der sich in sein Opfer verliebt. Diese Geschichten sind in die eigentliche Geschichte verschachtelt. Es ergeben sich drei Erzählebenen. Iris als alte Frau, die ihr Leben niederschreibt, Iris als aufwachsendes Mädchen, als junge Frau. Die Sage des blinden Mörders. Dazwischen werden noch Zeitungsartikel eingestreut. Was fiktiv ist, was wahr, verwischt in der Erzählung. Auch weiß der Leser nicht ganz genau, ob es nun wirklich Iris ist, die sich mit Alex trifft.

Margaret Atwood hat einen zeitlosen Roman geschaffen, der insbesondere mit der detaillierten, besonnenen und exakten Sprache punktet. Herrlich ist ihr das Bild der älteren Iris gelungen, die verschroben und ironisch ihr eigenes Leben erzählt. Eine schrullige Eigenschaft von ihr ist das Lesen von an die Wand gekritzelten Nachrichten in öffentlichen Toiletten:

„Wieso wollen wir uns selbst so unbedingt verewigen? Selbst wenn wir noch am Leben sind? Wir wollen unsere Existenz bestätigen wie Hunde, die an Feuerhydranten pinkeln. Wir stellen unsere gerahmten Fotos zur Schau, unsere pergamentenen Diplome, unsere versilberten Pokale: wir sticken unser Monogramm in die Wäsche, wir schnitzen unsere Namen in Bäume, wir kritzeln sie an Toilettenwände. Alles derselbe Impuls. Was erhoffen wir uns davon? Applaus, Neid, Respekt? Oder einfach nur Aufmerksamkeit, jede Art von Aufmerksamkeit die wir kriegen können.“

Auch ist ihr die Darstellung der Frau in den 20/30er Jahren sehr geglückt. Die Frauen, die zur Heirat gezwungen, die durchs Leben geschoben wurden.

Meine eigene Hand wurde ebenfalls ergriffen und kurz gedrückt. Dann mein Ellbogen. Auf diese Weise steuerten Männer Frauen damals herum – am Ellbogen – und auf diese Weise wurde auch ich am Ellbogen in den Imperial Room gesteuert.“

Die Spannung wird durch die immer wieder aufgebrochenen, verschobenen Plattformen der Erzählung aufgebaut und man ahnt, welches Geheimnis hinter dieser Lebensgeschichte steckt. Nebenbei baut Atwood noch eine Familiengeschichte auf, die ihren Anfang in den 20er Jahren nahm und bis in die heutige Zeit wirkt. Eine Geschichte voller verpasster Möglichkeiten, voller Dramatik.

Nicht umsonst wurde ‚Der blinde Mörder‘ im Jahre 2000 für den Booker Prize ausgezeichnet und ausserdem zu den besten 100 englischen Romanen im Magazin Time ausgezeichnet. Ein Must Read.

 

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 17. Oktober 2009
  • Verlag : Berlin Verlag
  • ISBN: 978-3-8333-0172-8
  • Taschenbuch: 704 Seiten

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s