… intensiv leben wollte ich

ButchersWas sagt man zu einem Buch, das den Leser nicht nur räumlich sondern auch zeitlich so weit entführt, dass er sich auf dem Rücken eines Pferdes durch die Prärie reiten sieht? Klingt schwierig – und genau damit hadere ich seit einiger Zeit. Butcher’s Crossing ist eines dieser raren Bücher, das nicht nur in andere Welten und Zeiten entführt, sondern gleichzeitig eine Allgemeingültigkeit besitzt, die nur mit einem Wort beschrieben werden kann: episch. Und dem kann keine Vorstellung meinerseits jemals genügen. Dennoch muss ich dieses Buch vorstellen, das für mich DAS Lesehighlight 2015 sein wird.

Will Andrews ist ein junger Mann, der aus der Welt des Wissens, der Bücher, der Wissenschaft kommt und sich danach sehnt, das Leben zu spüren. Ihm erscheint es deshalb notwendig, der Stadt den Rücken zu kehren und sich à la Ralph W. Emerson oder Henry D. Thoreau der Natur zuzuwenden. Zunächst aber landet er nicht direkt in der Einöde, sondern eher an einem Schnittpunkt. Butcher’s Crossing ist eine Ortschaft, in der sich eine bunte Gemeinde versammelt hat. Glücksritter, Jäger, Huren, Fellhändler … alle suchen sie nach etwas. Genau wie Andrews und doch wieder auf andere Art und Weise.

Andrews, das klassische Greenhorn, trifft auf Miller, der seit einiger Zeit versucht, Kapital für ein ihm äußerst wichtiges Vorhaben aufzutreiben. Andrews hat das Geld, Miller kennt die Gegend wie kein anderer. Und so ziehen schlussendlich vier Männer gen Westen, machen sich auf die Suche, in die Prärie.

Andrews Innenleben in der Weite der Prärie zeichnet Williams so authentisch, dass der Eindruck entstehen könnte, er selbst hätte diese Erfahrung gemacht. Vielleicht ist das auch so, für den Leser aber ist das nachgelagert. Zählt für ihn doch nur eines: die Wirkung des Textes. Und diese ist grandios.

Stille breitet sich aus, die Gefühle Andrews‘ werden physisch greifbar und ich bin mittendrin. Ein Aufgehen in der Natur, ein Einswerden mit ihr ist es, was da passiert. Nicht Identitätsverlust oder Wurzellosigkeit, sondern das genaue Gegenteil gepaart mit Freiheit und Leichtigkeit. Habe ich schon erwähnt, wie sehr das spürbar ist?

Gleichzeitig zu dieser absolut individuellen Erfahrung, skizziert John Williams etwas, das nicht allgemeingültiger sein könnte, was eine unglaublich tiefliegende Wahrheit und damit Zeitlosigkeit besitzt: Die Gier des (weißen) Mannes als Bild für die Menschheit gegenüber der Natur: kein Leben mit ihr sondern von ihr findet hier in der brutalsten Ausprägung statt. Das ist es nicht, was Andrews sucht. Er findet es trotzdem.

Diese Allgemeingültigkeit zeichnet das Werk John Williams‘, das ich bisher nur in Teilen kenne, scheinbar aus. Hier geht es nicht wirklich um die Büffeljagd oder das Überleben eines plötzlichen, nicht erwarteten Wintereinbruchs in den Bergen und damit um die vermeintliche Dominanz und Stärke der Menschen, sondern vielmehr um die Abwendung des Menschen von seiner Umwelt als Einheit, mit der er verbunden ist.

Und deshalb sollte man sich, auch wenn man mit den Vorgängen, die geschildert werden, hadern mag – was zugegebenermaßen verständlich ist – die Zeit nehmen und mit Andrews ein Stück weiter in die Prärie reiten. Bei der Rückkehr wird man ein anderer Leser sein.

Und weil dieses Buch so großartig ist und meine Vorstellung dafür nur ansatzweise ein klein bisschen erahnen lässt, was in diesem Buch steckt, lassen wir hier noch eine weitere begeisterte Leserin und goutierende Kennerin der guten alten Westernwelt zu Wort kommen. Thursdaynext schildert euch ihre Eindrücke, die das aufgreifen, was ich nicht zu fassen bekommen habe:

Hat sich John Williams mit dem Roman „Stoner“ bereits auf Anhieb in meine persönliche Buchschatz Highlight Liste geschrieben, so war die Erwartung an sein nächstes, Jahre nach seinem Tode hierzulande erstveröffentlichtes Buch, relativ gering. Einen Stoner konnte er nicht mehr erschaffen.

Doch stilistisch und dramaturgisch vermutete ich noch erhebliches Potential und wurde nicht enttäuscht.

Im Gegenteil! Mit diesem Autor einen Ausflug in den wilden Westen zu machen war ein grandioses Abenteuer. Bestes Kopfkino! Allerbestes.

Die Natur war greifbar. Sogwirkung. Die mit respektvoller Distanz beschriebenen Protagonisten blieben fremd und doch unangenehm vertraut. Allzu menschlich und detailliert schildert der Autor ihre Leidenschaft und Gier angesichts des von Menschenhand unberührten Paradieses, in dem sie nach großen Strapazen angekommen sind. Eine Reise in das Wesen der Männer, abseits aller Romantik und Klischees.

Dabei erinnert Butcher’s Crossing an die großartigen Neo Western, an die klotzenden Regisseure der Siebziger Jahre, an den sprachlosen John Wayne, an den von jeglichem feministischem Touch unberührten Machismo. Dabei bleibt Williams sachlich. Nie wird er wie Hemingway weinerlich pathetisch, oder gar überzogen heroisch, schwülstig angesichts dieser gewaltigen Naturkulisse und dem Kampf dieser Männer, die auszogen um reich zu werden, dann aber um ihr Überleben kämpfen müssen.

Eingangs kam ich mir vor, wie im Drehbuch eines Sergio Leone Western. Bestes, aber karges, wortarmes Kopfkino in einer reinen Männerwelt, in welcher Frauen nur Zierat und schmückendes Beiwerk oder gar nicht vorhanden sind. Das Reinrutschen in die Geschichte gestaltete sich durch diese Westernatmosphäre – eindrücklich und sehr ausführlich beschriebene Landschaft und Stadt – etwas zähflüssig. Doch dann wurden die Figuren und Situation enger umrissen, deutlicher und die Sogwirkung war da. Ab S. 139 fing das packende Psychogramm dieser so unterschiedlichen Zweckgemeinschaft durch äußere Ereignisse an, interessant zu werden. Womöglich sollten potentielle Leser dieses Genre Western mögen. Sich zumindest darin zurechtfinden um diese wahnwitzige, altmodische Männerwelt, die der Autor wiederauferstehen ließ, goutieren zu können.

Die Beziehungen untereinander, die Machtkämpfe, sowie die andersartigen  Intentionen, die seine Figuren antreiben und ihre Verschiedenartigkeit sind derart fesselnd, schlüssig und spannend, dass atemberaubendes Lesen und Miterleben nicht ausbleiben können.

Will Andrews, Stadtmensch, frisch von Harvard aufgebrochen in den Westen, um im Western-Kaff Butcher’s Crossing etwas zu suchen, von dem er selbst nicht weiß, wie es finden, denn er kann es nicht exakt formulieren:

„Und er spürte, dass er sich danach sehnte, wie es ihn zuvor nach Wasser gedürstet hatte; er wusste, dass die Berge da waren, er konnte sie sehen, ahnte aber nicht welchen Hunger oder Durst sie stillen würden.“

„Die frische Luft füllte seine Lungen und verlieh ihm eine Energie, von der er zuvor nichts geahnt hatte.“

Andrews ist ein einsamer, pragmatischer Charakter. Diese Ähnlichkeit zu Stoner ist gegeben. Anders als dieser passt er sich an, schaut sich ab, entwickelt sich zurück anstatt weiter, getrieben vom Überlebensinstinkt und etlichen anderen Instinkten die ihm zuvor noch unvertraut, im Laufe seiner Entwicklung später zwar bewusst werden, aber unbenannt bleiben.

„ … selbst abends, im Lager fasste er seine einfachsten Wünsche nicht mehr in Worte – deutete auf die Kaffeekanne, grunzte höchstens, wenn sein Name fiel, und Anweisungen bestanden aus kurzen Bewegungen mit Hand oder Arm, einem Zucken des Kopfes oder einem gutturalen Knurren aus tiefster Kehle.“

Dieses Unwohlsein an der Gesellschaft und den Handlungen der Männer, denen er sich angeschlossen hat, erlebt er, lässt sich jedoch mitreißen. Fast bleibt ihm keine Wahl. Dies ist auch die Frage, die die Lektüre von Butcher’s Crossing aufwirft. Welche Wahlmöglichkeiten bestehen für Menschen, wie nutzen sie sie, wie konnte es zu diesem Massaker kommen, welches die Zivilisation in die fast menschenleere unberührte Natur gebracht hat? Wird es der menschlichen Gier wegen immer so enden? Lauert der Steinzeitmensch unter der Oberfläche des dünnen Lacks der Zivilisation und Kultur, jederzeit bereit, diese erneut hinter sich zu lassen?

Williams stellt dem Leser diese Fragen. Die Antworten dazu zu finden überlässt er ihm selbst.

Mein persönliches Fazit zur menschlichen Natur behalte ich für mich. Zieht eure Schlüsse selbst. Was bleibt, ist ein großartiges, bildgewaltiges Buch mit Nachhall und authentischem Western Flair, gegen Ende in Cinemascope, welches die Leserschaft ganz sicher spaltet.

 Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 01. März 2015
  • Verlag : DTV
  • ISBN: 978-3-423-28049-5
  • Gebunden 368 Seiten
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5 Gedanken zu “… intensiv leben wollte ich

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