Von Mördern, zu vielen Gedanken und Schnippikäse

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Virulentes Buch – zwei begeisterte Infizierte

Dass wir Bücher lieben, dürfte nicht überraschen. Nicht immer jedoch ruft ein Buch bei verschiedenen Lesern dieselbe Begeisterung hervor. Die Begeisterung von serendipity3012 steckte thursdaynext an und was wir über „Kühn hat zu tun“ denken, könnt Ihr hier lesen.

serendipity3012

Martin Kühn hat nicht nur zu tun, das auch, sehr! – nein, vor allem ist sein Kopf voll. Er ist Polizeikommissar, hat eine Frau und zwei Kinder, ein geregeltes Leben, aber seine Gedanken kommen nicht zur Ruhe. Warum bleibt von seinem Gehalt nach allen Abzügen so wenig zum Leben übrig? Wieso findet er keinen Zugang zu seinem Sohn, der sich plötzlich mit Rechten abgibt? Muss seine Tochter unbedingt ein Pferd haben? Darf er von seiner schönen Nachbarin phantasieren? Und dann sind da noch die Geschehnisse aus der Vergangenheit, die sich immer wieder mit den aktuellen mischen und sich ihren Weg in seinen Kopf bahnen. Diese Gedankenströme gibt Jan Weiler gekonnt wieder, so, wie Kühn sie denkt, konfus und ungeordnet, quasi nicht wie aus dem Kopf, sondern aus dem Bauch heraus.

„Kühn hat zu tun“ handelt nicht nur vom Familienleben des Protagonisten, denn Kühn bekommt es mit einem brutalen Mord zu tun, und die Leiche wird ausgerechnet gleich hinter der „Tetris-Siedlung“, in der er wohnt, gefunden. Ein Zufall?

Jan Weilers Roman ist nicht in erster Linie ein Krimi, vor allem nicht einer von der Sorte, in der der Leser bis zum Schluss mit rät und bestenfalls im Dunkeln tappt, was die Person des Mörders angeht. „Kühn hat zu tun“ ist vielmehr ein Gesellschaftsroman, in dem Weiler auf den Punkt genau das Leben seines Helden abbildet, der in vielem so normal ist, wie man nur sein kann. Seine pointierte Sprache ist lebendig und voller Wortwitz, der ganze Roman durchsetzt von leisem Humor und von einer trotz aller Probleme positiven Grundstimmung. Sein Protagonist ist Sympathieträger mit Ecken und Kanten, sein Roman ein Pageturner. Und gegen Ende wird es richtig spannend, auch wenn man weiß, wie der Krimiteil ausgehen wird. Nur was eigentlich Schnippikäse ist, weiß ich immer noch nicht.

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Womöglich ist es auch völlig unwichtig und der Schnippikäse nur eine Metapher für die Trivialitäten, die der Alltag in Deutschland für seine Angehörigen der unteren Mittelschicht bereithält.

Jan Weilers Blick hinter die bürgerlichen Fassaden, in die Wünsche, Begehrlichkeiten und Hoffnungen der dahinter lebenden Menschen und deren alltägliche kleinen Dramen, ist erfrischend klar und kenntnisreich. Liebevoll hintersinnig zeigt er das wirklich Wichtige im Unwichtigen auf. Wohl auch aus eigener Erfahrung, eigenem Erleben. Mit eingebunden und doch distanziert genug, um reflektiert zu betrachten.

Eine menschenfreundliche Betrachtungsweise gepaart mit Können und Handwerk, die mich nach Serens Empfehlung und Rezension gespannt zum Buch greifen ließ und siehe da: Tatsächlich ein amüsanter, leicht zu lesender, spannender (wobei Spannung relativ zu betrachten ist, sich aus der Figur des Protagonisten und weniger aus dem Krimi entwickelt) Gesellschaftsroman, der etliche brisante Themen in sich birgt. Man mag diesen Kühn mit seinem übervollen Hirn einfach, kann sich in ihn ein Stück hineinversetzen – wie bei Weilers Bestseller, dem „Pubertier“, erfreut man sich am Wiedererkennen des Selbsterlebten und einer doch leicht abgehobenen Sichtweise, die, weil humorvoll und immer wieder sacht überspitzt, komisch, einfach wohltut.

Wie schön, dass es auch solche, der eher leichteren, aber nicht zu unterschätzenden Literatur zuzuordnende in der Realität angesiedelte Bücher gibt, deren Aufgabe es zu sein scheint, den geneigten Leser freundlich zu beglücken, ohne ihn zu unterfordern und etwaige „Leseschwächen“ beziehungsweise Leseunlüste prompt ad acta zu legen.

Daher ein warmes DANKE für den heißen Tipp an meine „Vor“-Leserin und Vorrezensentin. Und die noch heißere Bitte an den Autor, Kriminalhauptkommissar Kühn ein zweites Mal in Buchform zum Leben zu erwecken. Hocherfreute Leserschaft gäbe es sicher genug.

(P.S.: Gerüchten zufolge wird an der Fortsetzung bereits gearbeitet. Wir freuen uns!)

Buchdetails

5 Gedanken zu “Von Mördern, zu vielen Gedanken und Schnippikäse

  1. Wie ich gelesen habe, weiß Herr Weiler selbst nicht, was das ist – er hat es sich ausgedacht. Und wenn man nach „Schnippikäse“ sucht, findet man alle möglichen Verweise auf Weilers Buch, aber ich glaube keinen, der das eigentliche Rätsel lösen würde 🙂

    Gefällt 3 Personen

  2. Ja der Schnippikäse. 😉 Danke für den Hörbuchlink. Habe die Erfahrung gemacht, dass Hörbuch und Buch doch sehr unterschiedlich auf einen wirken können. Schön zu erfahren, dass das Hörbuch sich lohnt und gut eingelesen wurde.

    Gefällt 1 Person

  3. Darf ich mich mit nachfolgendem Link der „kühnen“ Begeisterung anschließen?
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/06/kuhn-hat-zu-tun/
    Ich habe „Kühn hat zu tun“ als HÖRBUCH gehört und genossen.

    Doch was Schnippikäse ist, weiß ich ebenfalls immer noch nicht. Allerdings findet sich dieser ominöse Schnippikäse oft in der Liste der Suchbegriffe, mit denen Leser (oder Käsehungrige ;-)) auf mein Buchbesprechungs-Blog geführt wurden …
    Auf Wiederlesen!
    Ulrike von Leselebenszeichen

    Gefällt 1 Person

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