Atemlos durch die Zeit

MakarionissiBeginnend mit den 50er Jahren in einem kleinen griechischen Dorf bis heute erzählt uns Vea Kaiser die Geschichte einer Familie. Eleni und ihr Cousin Lefti sind seit ihrer Jugend einander versprochen, doch lieben sie sich eigentlich nicht. Nach ihrer Heirat ziehen sie wegen fehlender beruflicher Erfolgsaussichten nach Hildesheim. Das griechische Dorf, einst der Schnittpunkt einer Handelsroute, vergreist nach und nach. In Hildesheim widmet sich Eleni, die schon in Griechenland politisch aktiv ist, der Bekämpfung der griechischen Militärjunta. Lefti wird deutscher als deutsch, lernt die Sprache, erscheint immer pünktlich zur Arbeit, steigt bald zum Vorarbeiter auf. Beide leben ihr eigenes Leben nebeneinander, und so verlieben sie sich bald in andere, und bauen eine neue Zukunft auf.

Die ‚Familiensaga‘ geht über mehrere Generationen weiter, bis endlich Eleni, jetzt verheiratet mit einem griechischen Emigranten, den sie in Chicago kennenlernte, auf Makarionissi auftaucht, die fiktive griechische Insel auf der ihr Mann aufwuchs. Von da an, wird diese Insel zum Mittelpunkt des Buches, auf dem die Familie ihre Heimat, ein großes Hotel, aufbaut.

Vea Kaiser gibt sich nicht mit Details zufrieden, nein, ihr Roman umarmt Jahrzehnte und Kontinente. Die auftretenden Charaktere haben durchaus ihre verschiedenen Rollen inne – hier ist die streitsüchtige und hitzköpfige Eleni, dort der hart arbeitende, ruhige und besonnene Lefti. Doch nach einer Weile beschleicht mich als Leser ein ungutes Gefühl; es passiert einfach nichts Überraschendes mehr. Handlungen werden abgebrochen, gerade am Anfang als Lefti nach einem Besuch bei einer Hure merkt, dass er sich eine Krankheit eingefangen hat, möchte man zu gerne wissen, wie er aus dieser Klemme kommt. Doch im weiteren Verlauf wird überhaupt nicht darauf eingegangen. So geht es weiter im Buch, Vea Kaiser überspringt einfach die Jahre, die Orte, die Personen. Dies wirkt bald wie ein Roman aus einem Setzkasten gebastelt. Scheidung hier, verzweifelte Liebe dort, ein uneheliches Kind. Dabei entstehen auch unschöne Situationen, aber dies ist alles mit einer so naiven Beschaulichkeit erzählt, jegliches Böse wurde hier entfernt, ich kam mir teilweise vor wie im Haribobärenland. Süß, bunt und klebrig.

Makarionissi rückt erst spät gegen Ende des Buches in den Fokus. Wichtiger, nach meiner Meinung, wäre gewesen das griechische Dorf zu beleuchten, ein Dorf das nur noch von Alten und Greisen bewohnt wird, da die Arbeitsmarktsituation sich dramatisch verschlechterte. Politische und interessante Weltthemen hätte Vea Kaiser viele gehabt an denen sich die Charaktere hätten reiben können, der Fall der Mauer wird komplett übersprungen, auch die darauffolgenden Unruhen in Europa. Die Finanzkrise wird auch nur kurz angeschnitten – auf der Insel der Seligen werden solche Themen nicht vertieft.

Dabei schreibt Vea Kaiser sehr flüssig und die Seiten fliegen nur so dahin. Doch bezweifle ich, dass mir in ein paar Monaten noch vieles davon im Gedächtnis geblieben sein wird. Die Geschichte wird dem Leser mit einer plappernden Nichtigkeit  dargeboten, kein Staubfussel trübt die glatte Fläche, kein Klumpen die Wörtersuppe, die ohne doppelten Boden und Rückstände verdaut und ausgeschieden wird. Sonst hatte ich des öfteren geklebte Post-it Zettel in Büchern, um mir wichtige Stellen zu merken, oder in die Rezension einzubauen, hier Fehlanzeige. Das Buch bewegt sich in Schlagzeilen durch die Welt, weitab von literarischen Höhenflügen oder vergleichbaren Familienepen, wofür es auch schlicht zu kurz geraten ist.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass sich Vea Kaiser zur neuen Helene Fischer der Literatur entwickeln würde. Ich wünsche ihr auf jeden Fall allen Erfolg dieser Welt in dem Haifischbecken der Literaturszene, in meinem Plattenregal steht jedenfalls keine Platte von Helene Fischer.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 11. Mai 2015
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04742-4
  • Gebunden: 464 Seiten
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5 Gedanken zu “Atemlos durch die Zeit

  1. Hui, ja auch ich habe bisher nur gutes gehört … aber mal sehen, liebe Birgit, was Du dazu sagen wirst 😉 Mich jucken die Finger ja jetzt auch danach zu greifen … um mir einen eigenen Eindruck zu verschaffen.

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