Die Bassistin und ihre Jungs

kim gordonGanz ehrlich – Sonic Youth ist eine Band, die ich persönlich musikalisch nicht mal am Rande miterlebt habe. Der Name Kim Gordon allerdings war gut verortbar und das Cover ihrer Biographie so ansprechend, dass ich unbedingt zugreifen musste. Künstler- bzw. Musikerbiographien reizen vor allem deshalb, weil der Weg, der ins Rampenlicht führte, auch für den Leser nachvollziehbar, die Ikone zum Menschen mit Ängsten und Gefühlen, die jeder kennt, wird. Nicht Voyeurismus ist der Antrieb, sondern Identifikation. In diesem Fall wollte ich einfach wissen, was diese junge, unangepasste Frau ihren Weg hat einschlagen lassen.

Häufig nämlich sind es Männer, die genau wissen, was sie vom Leben erwarten und wie sie es bekommen. Die Durchsetzung ist dann nur noch ein Klacks. Macher eben. Vor allem in einer Branche, die so wandelbar und hart ist, wie das Musikgeschäft, gehört einiges dazu, sich auf Dauer durchzusetzen. Als Frau in einer Männerband, die nicht nur den nötigen Glimmer auf die Bühne bringt, sondern Einfluss hat, Songs schreibt, singt und Bass / Gitarre spielt, erst recht. Beide Seiten zu vereinen, sich durchzusetzen und nicht in eine männliche Rolle zu fallen, ist nicht einfach zu meistern. Die Spielregeln werden meist von den männlichen Bandmitgliedern vorgegeben, Frauen hingegen haben häufig das nötige Gespür, um das „Unternehmen“ am laufen zu halten.

Kim Gordon und Thurston Moore gründen 1981 keine Band im eigentlichen Sinne. Vielmehr bildet sich eine Künstlergemeinschaft, innerhalb der in Jam-Sessions Musik entsteht. Die Texte folgen später. Alles ist experimentell und trifft den Nerv vieler junger Menschen, die sich mit dieser Art Musik stark identifizieren können. Beachtlich ist dabei auch, dass Kim Gordon und Thurston Moore lange Zeit als DAS Paar im Musikbusiness galten, das eine stabile, glückliche Beziehung bzw. Ehe vorzuweisen hatte. Von der Gründung von Sonic Youth bis ins Jahr 2011, als sich das Vorzeigepaar plötzlich und unerwartet für alle Außenstehenden trennt. Der privaten Trennung folgt auch die öffentliche: Sonic Youth ziehen ihre angesagte Tournee zwar noch durch – in Kim Gordons Fall mit sehr gemischten Gefühlen, wie sie ehrlich und direkt in ihrer Autobiographie Girl in a band preisgibt – aber eine tatsächliche Zusammenarbeit findet seitdem nicht mehr statt.

Kim Gordon aber nahm die Trennung zum Anlass, ihre selbstgewählte und gewollte Zurückhaltung, die ihr das Markenzeichen der Unnahbaren, der Rätselhaften verpasste, fallen zu lassen und eine äußerst eloquente, unterhaltsame und auch für nicht Sonic Youth Fans interessante Autobiographie zu schreiben. Auch wenn man kein Anhänger der sogenannten No-Wave-/Noise-Rock Band ist, fühlt man doch aus jeder Zeile, dass diese Frau eine wahre Künstlerin ist. Und das in den verschiedensten Bereichen.

Natürlich kommt sie nicht umhin, die Umstände der Trennung zu erwähnen und natürlich ist sie verletzt. Wurde sie doch nach einer 27jährigen Ehe wegen einer Anderen verlassen. Mühelos schafft Gordon dennoch eine Atmosphäre, die ganz deutlich macht, woher sie kommt, was sie geprägt hat und was ihr im Leben am wichtigsten ist: ihre Tochter und die Kunst.

Kunst als Erforschung von Neuem, als Experiment mit Form, Farbe, Klang und allem, was sonst noch zur Verfügung steht. Der landläufigen Meinung nach sind Menschen, die solch eine Kunst denken, fühlen, leben, eher unkonventionell, unangepasst und nicht auf Verlässlichkeiten aus. Girl in a band zeigt, dass dem nicht so sein muss, dass man auch als Künstler/in Verpflichtungen eingehen will, Verantwortung übernehmen kann und möchte, um damit zum Beispiel einen stabilen Lebensmittelpunkt zu etablieren.

Die Fan-Gemeinde war schockiert, als die Ehe von Moore und Gordon zerbrach und die Band Sonic Youth sich damit offensichtlich auflöste. Aber mit ihrer Autobiographie hat Kim Gordon vor allem diesen Fans, aber auch anderen Menschen wie mir, ein Geschenk gemacht. Das Geschenk ist an Authentizität, Aufrichtigkeit und Nähe kaum zu übertreffen, bedenkt man, dass Gordon sonst immer sehr zurückhaltend mit ihrem Privatleben umging.

Wer die junge Frau, die auf dem Cover von Girl in a band so offen und etwas herausfordernd in die Kamera blickt, näher kennenlernen möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Und wer sich jetzt fragt, warum ich den Namen Kim Gordon so gut verorten konnte, ohne an die Band zu denken, dem sei noch ein kleines Geheimnis verraten – wen das nicht interessiert, der kann hier aufhören zu lesen – ich bin ein großer Gilmore Girls Fan …

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 02. April 2015
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04748-6
  • Gebunden:352 Seiten

 

 

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