Ambitioniertes Romanprojekt

MondbergeWas macht gute Literatur aus? Warum lesen wir? Jeder Leser dürfte hier andere Schwerpunkte setzen. Gute Literatur soll zunächst einmal unterhalten. Gute Literatur wirft Fragen auf, regt zum Nachdenken an. Sie entführt in fremde Welten, erzählt von fremden Leben und manchmal dadurch auch vom eigenen. Ein Roman sollte klug sein, was ganz Unterschiedliches bedeuten kann: Literatur darf auch leicht (aber nicht seicht!) sein. Sie darf mich fordern, sie darf mich auch mal ein wenig ärgern. Sie muss mir nicht alles direkt auftischen, ich liebe die Zwischentöne, das Lesen zwischen den Zeilen, die Kunst, etwas zu sagen, obwohl es nicht direkt dasteht. Somit hatte „Nördlich der Mondberge“ von I. J. Kay alle Voraussetzungen, um mir zu gefallen.

Kays Roman ist sehr ambitioniert: Ihre Protagonistin Lulu (die aber im Laufe des Romans bzw. ihres Lebens viele verschiedene Namen trägt) erzählt ihre Lebensgeschichte auf mehreren Ebenen. Zu Beginn der Geschichte ist sie gerade nach einer zehnjährigen Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen worden. Eine Entschädigung für diese Zeit ermöglicht es ihr, eine Reise nach Zentralafrika zu unternehmen, wo sie sich ihrer Vergangenheit stellen will – was das genau heißt, erfährt der Leser zunächst nicht.

So springt die Erzählerin in den Ebenen, das heißt Zeiten, hin und her, und gibt wenig Anhaltspunkte, wo bzw. wann wir uns gerade befinden. Wir lesen von ihrer schweren, von Gewalt geprägten Kindheit und der lieblosen Jugend. Werden in rascher Folge mit einigen Figuren konfrontiert, die sich zunächst nicht einordnen lassen, da die Autorin uns nur immer kleine Häppchen vorwirft, dann den aktuellen Teil der Geschichte verlässt und sich einem anderen zuwendet. Sind es zu Anfang nur zwei Ebenen, so werden es später mehr und es kommen noch Passagen hinzu, in denen nicht klar ist, ob das Erzählte wirklich geschehen ist oder es sich um Visionen handelt. Kays Stil ist dabei knapp, voller Dialoge, ohne viel zu erläutern, teils assoziativ. Hilfreich für den Leser ist dabei, dass Lulu in der Vergangenheit viele Rechtschreib- und Grammatikfehler unterlaufen (wobei es auf der anderen Seite nicht recht nachvollziehbar ist, dass sie viele Jahre, auch noch im jungen Erwachsenenalter, davon spricht, sie sei zum Beispiel „übergerascht“).

Ungefähr bis zur Mitte des Romans habe ich Lulus Geschichte gern gelesen und interessiert verfolgt. Darauf vertraut, dass sich das Wirrwarr aus den sehr vielen Mosaiksteinen schon irgendwann auflösen und alles sich aufklären wird. Dass die Autorin mich, ihre Leserin, nicht vergessen hat und durch dieses Dickicht zu führen versteht. Da Kay ihren Stil aber konsequent durchhält, ohne dass ich das Gefühl hatte, dass der Nebel sich lichtet, wurde mir der Roman irgendwann in der zweiten Hälfte recht mühsam.

„Nördlich der Mondberge“ von I. J. Kay wurde von der amerikanischen und englischen Kritik hochgelobt und gewann auch den ein oder anderen Preis. I. J. Kay, ein Name, der im Übrigen ein Pseudonym ist, hat einen interessanten Stil, und sie bleibt sich in ihrem Roman durchgehend treu. Sicher ist sie talentiert. Ist das gute Literatur? Ich möchte dazu ermutigen, sich selbst ein Bild zu machen. Mir ging irgendwann während der Lektüre die Unterhaltung verloren, die Puste aus, ich fühlte mich von der Autorin alleingelassen. Es ist, als habe sie mich nicht wirklich an ihre Protagonistin herankommen lassen wollen. „Nördlich der Mondberge“ richtet sich wohl eher nicht an die große Masse, sondern an ein kleineres Lesepublikum, das diese ganz besondere Art, zu erzählen, zu würdigen weiß. Der Roman ist, das muss man der Autorin lassen, konsequent.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 11. Mai 2015
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04655-7
  • Gebunden: 464 Seiten
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