Verhinderter Superheld

SuperheldWo vorher Chaos geherrscht hatte, gab es plötzlich Ordnung, da alle nach einem sternartigen Schema das Ziel hatten, möglichst unbeschadet an mir vorbeizukommen. Ich fühlte mich wie eine Knoblauchzehe auf einer Ameisenstraße. Wahrscheinlich bekamen die Leute das alles nicht richtig mit – ihr Unterbewußtsein veränderte ihre Umlaufbahn so nervenschonend, dass sie nie erfuhren, was ihre innere Unruhe ausgelöst hatte und welcher Gefahr sie entgangen waren.“

Derjenige, der so durch das Leben pflügt, heißt Marek, ist 17 und wurde von einem Rottweiler entstellt, der ihm das halbe Gesicht zerbissen hat. Lachen tut weh, aber zum Lachen findet er sein Leben sowieso nicht mehr. In den Spiegel schaut er nicht mehr und die Sonnenbrille bleibt auch immer aufgesetzt. Meistens schläft er bis nachmittags, surft dann und bringt seine Mutter, eine erfolgreiche attraktive Anwältin, zur Weißglut. Doch eines Tages schafft sie es, ihn aus dem Haus zu locken und er findet sich in einer Selbsthilfegruppe wieder. Alles Jugendliche mit Behinderungen. Der eine ist blind, der andere wird von seinen inneren Organen zerfressen, die Schönste sitzt im Rollstuhl. Nachdem Marek einmal da war, verkriecht er sich wieder zu Hause.

Doch plötzlich kommt Bewegung in sein Leben. Er wird von einem Gruppenteilnehmer besucht und dann findet er sich doch wieder in der Gruppe, um sich hoffnungslos in die im Rollstuhl sitzende Janna zu verlieben. Der Leiter der Gruppe möchte einen Film drehen und bucht eine Villa mit der Gruppe. Dort lernt Marek endlich wieder mit anderen zu kommunizieren und sich einzubringen bis er plötzlich eine schreckliche Nachricht erhält. Sein Vater ist gestorben, Marek reist zu der Beerdigung in die Nähe von Frankfurt, wo sein Vater mit Mareks ehemaligen Au-Pair Mädchen lebte, wegen der er Mareks Mutter verließ.

Alina Bronsky wirft den Leser sofort in die Geschichte hinein. Alles wird aus der Sicht des entstellten Marek erzählt, der recht launisch und hart über andere herzieht. Er selber hat die Lust am Leben verloren. Er sieht sich auch nicht als Superheld. Bei einem Telefonat mit seiner Exfreundin kommt der ganze Frust aus ihm heraus.

„Ich habe mich nicht etwa deswegen zwischen dich und das Tier gestellt, weil ich so unglaublich edel bin, sagte ich. Nenn mich meinetwegen einfach Superheld, aber bedenke dabei, ich bin es nie gewesen. [..]Es war erstens ein Reflex, zweitens ein Unfall. Ich hatte die Hosen voll und hab mir später so oft gewünscht, ich hätte es nicht getan, und dann wärest Du dran gewesen und nicht ich.“

Nach der Hälfte des Buches dreht sich das Empfinden Mareks. Plötzlich erschrickt niemand mehr vor seinem Gesicht, auch empfindet Marek seine Entstellung nicht mehr als solche. Anfangs denkt er auch noch über sich nach, gegen Ende verliert sich das Buch aber immer mehr in Sprüchen und Dialogen. Gelegentlich hatte ich das Gefühl, ein Drehbuch in den Händen zu halten. Ein Buch sollte mehr Tiefe und Erläuterungen haben. Nenn mich einfach Superheld verliert sich in nicht ausgeführten Situationen, nicht weitergedachten Dialogen, Interaktionen, die einfach mehr Ausführungen seitens der Autorin bedurft hätten. So bleiben die manchmal witzigen, aber meist hohlen Sprüche seltsam leblos, auch wenn das Thema viel Zündstoff und Tiefe in sich birgt. Das Buch hat mich trotz des ernsten Themas weder zum Nachdenken noch zur Empathie mit den handelnden Charakteren bewogen. Neben Marek wirken alle anderen Personen seltsam konstruiert und aufgesetzt.

Insgesamt ein Roman mit einem ernsten Thema, das John Green in Das Schicksal ist ein mieser Verräter wesentlich einfühlsamer beschrieben hat und das zu sehr nach einem Film schielt, um als Buch überzeugen zu können. Außerdem konnte ich nicht, wie angekündigt, Alina Bronskys scharfsinnigen Witz und rabenschwarzen Humor erkennen. Zu flach ist hier doch die Kurve des Witzes.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 2. April 2015
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04754-7
  • Taschenbuch: 240 Seiten
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