„Niemand sagt die Wahrheit. […] Niemand.“

VoranUngefähr zwei Drittel des Romans hat man als Leser hinter sich, als Hauptfigur Chic Waldbeeser uns auf den Kern der Geschichte, des Romans, vielleicht auch des Lebens stößt: Es geht „Voran, voran, immer weiter voran“, was vielleicht zuerst ein wenig sperrig klingt, nicht unbedingt leicht über die Lippen geht. Chic ist zu diesem Zeitpunkt in mittleren Jahren, er hat schon einiges erlebt, vor allem schlechte Erfahrungen gemacht – glücklich ist er nicht. Er möchte plötzlich ein Dichter sein, eines seiner Gedichte benennt er nach einer Formulierung aus einem Brief seines Urgroßvaters Bascom, eines deutschen Einwanderers, der an seine zurückgelassene Familie schrieb, und der auf das immerwährende Fortgehen des Lebens in eben diesen titelgebenden Worten hinwies.

Ryan Bartelmays Debütroman „Voran, voran, immer weiter voran“ erzählt die Geschichte Chic Waldbeesers über ungefähr 50 Jahre hinweg. Es ist auch die Geschichte seiner Familie, seiner Frau, seines Bruders Buddy und seiner Schwägerin Lijy und weiteren Familienmitgliedern. Dabei gibt es zwei Handlungsstränge: Einerseits lesen wir chronologisch von 1950 an die Ereignisse bis in die 80er Jahre hinein, andererseits erfahren wir über die Geschehnisse im Jahr 1998, als Chic noch einmal an einer Art Wendepunkt steht.

Chics und Buddys Vater nahm sich das Leben, die Mutter verschwand bald darauf mit ihrem Freund, mit dem sie zuvor schon eine Affäre hatte. Die beiden sind traumatisiert, und diese Ereignisse aus der Kindheit und Jugend werden größtenteils totgeschwiegen – auch eine Erklärung für ihre späteren Probleme, mit Konflikten umzugehen.

Chic hat jung seine Highschoolliebe Diane geheiratet, und wenn der Start in eine Ehe als Omen für den Verlauf derselben gelten kann, dann stand diese wohl von vornherein unter keinem guten Stern. Direkt nach der Hochzeit herrscht erst einmal Eiszeit, weil Chic sich von Lijy, der indischen Frau seines Bruders, eine Massage hat „schenken“ lassen.

Aber sie leben ihr Leben als Ehepaar, und als Leser nimmt man daran teil. Bartelmays Roman ist dabei auf der einen Seite fesselnd und unterhaltsam, auf der anderen Seite aber – und das scheint sich durchaus zu widersprechen – hat er über lange Strecken kaum Hoffnung für die Protagonisten parat. Eine Hoffnungslosigkeit, die sich auf den Leser überträgt, – ich habe immer wieder Pausen von dieser Geschichte gebraucht. Bartelmays Charaktere sind allesamt keine Sympathieträger: Wer sich als Leser gern mit einem der Protagonisten identifiziert, um ganz in die Geschichte einzutauchen, wird es hier schwer haben. So wie sie möchte man nicht sein, ihr Leben möchte man lieber nicht leben.

Romane, in denen die Figuren sich ungewöhnlich verhalten, nicht der Norm entsprechen, lese ich gern, andere Sichtweisen auf ein Problem sind immer interessant und aufschlussreich. Was Bartelmay leider nicht völlig gelingt, ist, das Verhalten seiner Figuren aus der Situation heraus schlüssig zu machen. Ungewöhnliche Lösungen sind nicht schlecht, aber man muss sie nachvollziehen können.

Im Großen und Ganzen aber erzählt Bartelmay lesenswert über die Menschen und das Leben selbst. Da kann sich jeder mal mehr, mal weniger wieder finden.

„Du wirst immer ein Mensch bleiben, der etwas Besseres will, aber Du wirst es nie erreichen. Ihr lief es eiskalt über den Rücken. Es wird nicht besser werden. Sie wollte nicht mehr darüber nachdenken.“ S. 426

Die Versuche, etwas zu ändern, der Wunsch, auszubrechen, erlernte Muster zu durchbrechen, wie es hier so nötig gewesen wäre, es dann doch nicht schaffen… vielleicht hätte man hier etwas straffen können, vielleicht hätte das dem Roman dann doch ein wenig das Depressive, das Trostlose entzogen, das ihn auszeichnet und das den Leser womöglich mit sich zieht. Trotzdem, langweilig, unspannend ist „Voran, voran, immer weiter voran“ keineswegs. Und wenn man danach sucht, kann man die Hoffnung an einigen Stellen dann doch finden. Ob der Autor uns noch etwas sagen wollte? Das muss er nicht, aber vielleicht gibt es da doch etwas, so banal und alltäglich wie wahr: Redet miteinander und überlegt Euch gut, ob Ihr lügen wollt. Irgendwann wird es zu spät sein.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 30. März 2015
  • Verlag: Blessing Verlag
  • ISBN: 978-3-89667-526-2
  • Gebunden: 432 Seiten
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