Starke Geschichte – aber kein Thriller

Zoe Becks Buch „Das alte Kind“ ist ein sehr guter Roman, aber ein Thriller ist es meines Verständnisses nach überhaupt nicht. Dafür gibt es in Summe einfach zu wenig Leichen (mehrere halbherzige, dilletantisch ausgeführte, gescheiterte Mordversuche und ein kleiner Mord zählen einfach nicht) und zu wenig abartige Grausamkeit. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte ein sehr spannendes Familiendrama mit sorgfältig eingewobenem Krimiplot.

Am besten gefallen hat mir die Story der Mutter, die davon überzeugt ist, dass ihr Kind vertauscht wurde und der einfach keiner glauben will. Sehr grandios wird geschildert, wie sie verbissen an ihrer Meinung festhält, von allen anderen für komplett verrückt erklärt wird, und letztendlich ihre ganze Familie inklusive aller Betroffenen an diesem Verbrechen zerschellen.

Am Anfang ging ich noch durch meine eigene Schlamperei, nie die Kapitelüberschriften zu lesen, in die Falle und dachte „Warum kommt keiner auf die Idee, einen Vaterschaftstest zu machen“. Als ich merkte, dass der Beginn der Geschichte im Jahr 1978 spielt, war mir alles klar – sehr klug, den Plot vor, während und nach den Jahren der wisssenschaftlichen Revolution in der Genetik anzusiedeln. Das gibt genügend Sprengstoff für viele spannende Wendungen! Was dann folgt, ist ein rasantes Familiendrama mit liebevoll detailliert gezeichneten Figuren, das mich keine Sekunde gelangweilt hat.

Massiv gestört hat mich der Umstand, dass Thriller auf dem Cover steht. Das mag kleinlich wirken, aber ich mag es gar nicht, wenn dem Leser effektheischend Erwartungen vorgegaukelt werden, die das Buch letztendlich nicht erfüllt (und eigentlich auch nicht erfüllen muss).

Fazit sehr lesenswert, aber kein Thriller 🙂

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 1. Mai 2010
  • Verlag : Bastei Lübbe
  • ISBN: 978-3-404-16443-1
  • Taschenbuch : 301 Seiten
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3 Gedanken zu “Starke Geschichte – aber kein Thriller

    • Die „Schubladen“ werden im Übrigen häufig von den Buchhändlern gewünscht … damit sie besser empfehlen können. Sie können nun ja nicht wirklich jedes Buch lesen … aber klar, was drauf steht, sollte nach Möglichkeit auch drin sein …

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    • Danke für den Tip mit dem Interview 🙂 Hab selber mit Zoe Beck gesprochen bzw gechattet, da ich sie kenne – sie war ursprünglich von Anfang an dagegen, auf diesen Roman Thriller zu schreiben.
      „Ich wollte das nicht auf dem Cover haben aber, soll sich ja verkaufen. vollkommen kurzsichtig, sowas.“

      Gefällt 1 Person

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