Die Kluft zwischen Ländern – die Kluft zwischen Menschen

die Liebe zur FreiheitAls Hektor, Margret und ihr Sohn Marten Ende der 1960er Jahre nach Liberia kommen, wo Hektor als Personalchef einer schwedischen Mienenfirma arbeiten soll, erhoffen sich alle drei Abwechslung, eine aufregende Zeit, einen Ausbruch aus dem schwedischen Alltag. Aber so einfach ist es nicht: Margret hatte in Schweden einen Geliebten, eine Episode, die für sie noch nicht abgeschlossen ist. Vor allem ihr machen in Liberia die Hitze und die Angst vor Schlangen und anderen Tieren zu schaffen. Auch Sohn Marten musste jemanden zurücklassen, Laura, seine erste große Liebe, an die er noch oft zurückdenkt. Er schwelgt oft in Erinnerungen. Und Hektor bemerkt schon bald, dass sein Unternehmen die liberianischen Arbeiter nicht gut behandelt. Sie setzen sich zur Wehr. Hektor ist gezwungen, Stellung zu beziehen. Marten, der sich mit dem Hausboy der Familie angefreundet hat, demonstriert auf Seiten der Arbeiter, gerät zwischen die Fronten – und Hektor muss befürchten, dass er mit einem solchen Sohn für die Firma bald nicht mehr tragbar ist.

„Die Liebe zur Freiheit hat uns hierher geführt“, so der Wahlspruch der Liberianer und so auch der Titel des vorliegenden Romans des jungen schwedischen Autors Gunnar Ardelius. Liberia ist eines der wenigen afrikanischen Länder, die niemals eine Kolonie waren. Trotzdem zeigt der Roman gut, wie Macht und Geld, in diesem Fall der schwedischen Mienenfirma, dazu genutzt werden, Einfluss auszuüben. Ja, auch zu unterdrücken. Vor allem aber schafft es der Autor sehr gut, die Überheblichkeit seiner Protagonisten auszudrücken und einen ganz alltäglichen Rassismus, den so zum Beispiel Margret kaum verhehlen kann und den sie eigentlich auch gar nicht verhehlen möchte.

Der Hausboy der Familie wird nur „der Schlangenjunge“ genannt. Auch Marten, der sich doch eigentlich als sein Freund betrachtet und auch so verstanden werden will, fragt nicht nach dem Namen des Jungen. Obwohl Marten gegen seine Eltern rebelliert und sich auf die Seite der Aufrührer stellt, bleibt die Frage, wie weit sein Engagement am Ende geht. Kann er wirklich aus seiner Haut?

Die Unterschiede zwischen den gegensätzlichen Kulturen, auch zwischen dem alltäglichen Leben hier und dort, macht Ardelius in seinem Roman gut sichtbar. Die Probleme, die die Familie in Schweden hatte, lösen sich auch in Liberia nicht plötzlich in Luft auf. So vermisst Marten Laura, und er hat einen nachdenklichen Moment, als er eine Weltkarte in seinem neuen Zuhause entdeckt: „Er betrachtete die Kluft zwischen Schweden und Liberia, eine Karte konnte nichts über den Abstand zwischen zwei Menschen sagen.“ S. 28

Die westlichen, die so genannten entwickelten Nationen, wollten den „zurückgebliebenen“ schon immer ihre vermeintlich bessere Sicht auf die Welt aufdrücken, klarmachen, wie man besser, effizienter, schneller, produktiver ist. Aber Hektor stellt fest, dass es sich lohnt, dies zu hinterfragen:

„Ihm wurde bewusst, dass alles, was an Monrovia hässlich war, im Grunde aus Europa kam: die Läden, die Kirchen, die Verwaltungsgebäude. Wenn ihm etwas Schönes begegnete, dann hatte es hier seinen Ursprung…“ S. 36

Letztendlich können die Protagonisten nicht aus ihrer Haut und es wird deutlich, dass der Graben zwischen den Europäern und den Afrikanern groß ist, nicht so leicht zu überwinden, wie sie sich das, mal mehr, mal weniger wünschen. Ardelius verdeutlicht in seinem Roman diese Kluft anschaulich, und auch, wie es ist, wenn vieles zusammenkommt: Probleme verschwinden nicht, auch dann nicht, wenn man auf einen anderen Kontinent zieht. Auf 250 Seiten ist es nicht möglich, weiter in die Tiefe zu gehen, als es hier geschieht, Ardelius schreibt verknappt, viel schwingt mit, das nicht explizit dasteht. An manchen Stellen wäre das wünschenswert gewesen. „Die Liebe zur Freiheit hat uns hierher geführt“ ist ein intensiver Ausflug in eine andere Zeit und einen anderen Ort, bei dem dem (westlich geprägten) Leser durchaus auch ein Spiegel vorgehalten wird, einer, der nicht dazu taugt, zu beschönigen.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 2. März 2015
  • Verlag: Blessing Verlag
  • ISBN: 978-3-89667-548-4
  • Gebunden: 256 Seiten
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