Ein Gott in jedem Stein

Geschichtenerzähler„Ich kenne die Geschichte von Männern, die vor zweitausendfünfhundert Jahren gelebt haben, aber ich werde niemals erfahren, was mit Dir geschieht.“ S. 164

Es ist das Jahr 1914, als die junge Vivian von einem Freund ihres Vaters eingeladen wird, an Ausgrabungen in der Türkei teilzunehmen – damals auch für eine Engländerin alles andere als selbstverständlich. Sie erlebt eine aufregende, aber kurze Zeit, sieht den ehemals väterlichen Freund Tahsin Bey plötzlich mit anderen Augen, aber der Krieg trennt die beiden. Ein Jahr später begegnet sie auf der Suche nach ihm auf dem Weg nach Peschawar dem Paschtunen Qayyum. Er wird ihr in der folgenden Zeit näher sein, als sie ahnt. Qayyum hat im Kampf mit seinem indischen Regiment auf Seiten der Engländer ein Auge verloren und wurde daraufhin ehrenhaft aus der Armee entlassen.

Heimlich unterrichtet Viv den Jungen Najeeb. Die Einheimischen halten nichts davon, dass eine Engländerin einem ihrer Jungen ihr westliches Wissen vermittelt, auch, wenn er noch zu jung ist, um sie auf eine Weise anzusehen, die nicht gestattet ist.

Kamila Shamsies neuer Roman „Die Straße der Geschichtenerzähler“ (im Orginal atmosphärischer „A God in every stone“) streift viele Themen. Da geht es um die Kolonialherrschaft der Engländer, für die die Inder zunächst im Krieg kämpfen und gegen die sie sich später auflehnen. Es geht um die Unterschiede zwischen der westlich geprägten Viv und den Einheimischen, die die Autorin sehr gut veranschaulicht. Als Fremde darf sie sich unverschleiert zeigen und gewöhnt sich schnell daran, dass man sie nicht anschaut, sondern durch sie hindurch sieht. Sie hat die britische Erziehung der Bessergestellten genossen und geht mit großer Neugier, aber auch Vorurteilen auf die Einheimischen zu, ist aber klug und empathisch genug, sie in Frage zu stellen. Trotzdem weiß sie, dass es immer etwas Trennendes geben wird, das nur schwer zu überwinden ist.

Der Roman widmet sich außerdem der Archäologie und der Historie Kariens. Für den Leser, der hier keine Vorkenntnisse mitbringt, sind diese Passagen wohl die am schwersten zugänglichen. Dennoch, die Autorin vermittelt die Geschichte um den verschwundenen Silberreif, von dem Tahsin Bey Vivian erzählte, gekonnt, ihm haftet das Geheimnisvolle der Legende an.

Vor allem aber geht es in „Die Straße der Geschichtenerzähler“ um die Menschen. Um Liebe, Freundschaft und Verrat, wobei der Liebesgeschichte eine eher untergeordnete Rolle zukommt. Viv ist eine Engländerin, die sich früh emanzipiert und ein eigenständiges Leben sucht, sie will mehr als Ehemann, Haushalt und Kinder. Ein schwerer Fehler in jungen Jahren hat sie eine wichtige Lektion fürs Leben gelehrt. Erzählt wird von dem Jungen, den die Ausflüge in Geschichte und Archäologie in seiner Kindheit stark prägen und von dem vom Krieg gezeichneten Mann, der in der Schuld eines Freundes steht, diesem aber nicht einfach geben kann, was er von ihm verlangt. Dass Shamsies Protagonisten, Viv, Qayyum und Najeeb allen voran, so lebensecht gezeichnet sind, dass sie echte Sympathieträger sind, mit Schwächen, aber nachvollziehbar in ihrem Handeln und Denken, trägt dazu bei, dass „Die Straße der Geschichtenerzähler“ sich fesselnd liest und die Seiten nur so dahin fliegen. Auch das Flair von Zeit und Ort malt die Autorin mit ihren Worten gekonnt, sodass man sich alles sehr genau vorstellen kann.

Ihr Sujet, zusammengestrichen auf die junge Engländerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Orient, birgt die Gefahr, in eine kitschige Geschichte voller Klischees um die Liebe zwischen den Kontinenten und Kulturen abzurutschen. Aber Shamsie umschifft diese Gefahr gekonnt: Ihr Roman ist komplex und fern von Kitsch. Es erstaunt, mit welch leichter Hand sie all ihre Themen zusammenfügt, ohne dass ihre Geschichte darunter leidet. Auch stilistisch bewegt sie sich auf hohem Niveau.

Wenn die Leserin ein Buch zuklappt und sich wünscht, dass sie den gerade wieder verlassenen Figuren noch hätte folgen können, an ihrem weiteren Leben nach Ende der Geschichte zu gern teilgenommen hätte, dann ist deutlich, dass ihr der Roman ganz besonders gefallen hat.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 30. März 2015
  • Verlag : Berlin Verlag
  • ISBN: 978-3-8270-1228-9
  • Gebunden: 384 Seiten
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