Römisches Jahr

Rom, Villa MassimoEin Jahr verbringt der Lyriker Peter Ka als Stipendiat in der römischen Villa Massimo. Zehn Künstler im weitesten Sinne, das heißt zum Beispiel Maler, Schriftsteller, Komponisten und Architekten werden jedes Jahr dorthin eingeladen, um kreativ zu arbeiten, umgeben vom guten Wetter, vom grünen, schön gestalteten Umfeld, vom Geist der Inspiration, der hier wehen soll. Hanns-Josef Ortheil erzählt in seinem neuen Roman „Rom, Villa Massimo“ von diesem Jahr und dem, was Ka dort erlebt.

Ortheil war einst selbst Stipendiat in Rom, und natürlich fragt man sich als Leser, wie viel von dem, was Ka erlebt, wohl von wahren Erlebnissen inspiriert oder an solche angelehnt ist. Zumindest lässt sich die genaue Kenntnis des Hauses und seiner Regeln damit erklären, dass dem Autor die Villa gut bekannt ist. Die verschiedenen Künstlernaturen hat er genauestens beobachtet, die Beziehungen zwischen den Stipendiaten sind sehr geistreich und nachvollziehbar geschildert.

Der Roman erzählt in eher ruhigem Tempo von seinem Protagonisten, nimmt sich viel Zeit dafür, ihn erst einmal ankommen zu lassen. Ortheil hat keine Scheu vor längeren beschreibenden Passagen, in denen es wenig Handlung gibt, dafür aber umso authentischer ein Bild dieses Ankommens gezeichnet und sein Peter Ka eingehend charakterisiert wird. So geht es dann auch weiter: Erste Kontakte werden geknüpft, Sympathien, vor allem aber Antipathien werden deutlich (diese sind selbstverständlich spannender und interessanter), der Schwerpunkt liegt auf dem täglichen römischen Leben Peter Kas. Er ist ein Einzelgänger, ein eher schwieriger Typ, den man leicht für arrogant halten kann – so hat er kein Problem damit, etwa die Gedichte Goethes zu kritisieren: Er hat sehr spezielle Vorstellungen davon, wie Lyrik zu sein hat. Ein bisschen Selbstüberschätzung ist nicht nur ihm eigen, sondern auch seinen Mitstipendiaten, und es ist ein Genuss, zu lesen, wie Ortheil mit feiner Ironie diese sensiblen Künstlerpersönlichkeiten zeichnet und sie in ihrer Egozentrik nicht immer ernstnehmen mag.

Stimmungsvolle Fotos aus der Villa Massimo und aus Rom von Ortheils Tochter Lotta Ortheil runden den Roman ab – als wäre man als Leser mit Ka vor Ort, als wäre die Fiktion Wirklichkeit. Auch die Fußnoten könnten diesen Eindruck erwecken, eine erfrischende Idee – außerdem sind diese Anmerkungen stets informativ und laden dazu ein, sich weiter mit Rom und der Villa Massimo zu beschäftigen.

„Rom, Villa Massimo“ präsentiert keine ereignisreiche Geschichte und unterscheidet sich auch von anderen Romanen des Autors in der Konzentration auf sein eher klein gefasstes Thema. Als Leser sollte man Interesse an Rom und an dieser speziellen Institution mitbringen, Interesse an den manchmal etwas verschrobenen Gestalten und dieser besonderen kleinen Welt haben. Auch Italienischkenntnisse sind zwar keinesfalls notwendig, helfen aber dabei, tiefer in die Atmosphäre des Romans einzutauchen. Ortheils Sprache kommt wie immer auf den Punkt, jedes Wort stimmt, jeder Satz sitzt. Und seine feine Ironie macht die Lektüre zu einem Genuss. Ein hintersinniger Roman aus einem ganz eigenen Kosmos.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: März 2015
  • Verlag: LangenMüller
  • ISBN: 978-3-7844-3368-4
  • Gebunden: 276 Seiten

 

 

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