London, das Theater und die 70er

Jahre wie dieseAls Luke und Nina im London der 70er Jahren im Theatermilieu zum ersten Mal miteinander reden, sind sie sich schon ein paar Mal begegnet – und an das erste dieser Treffen können sie sich nicht einmal erinnern, da sie sich nur gesehen, nicht aber miteinander gesprochen haben und außerdem sehr jung waren. Luke zieht mit seinem Freund Paul und dessen Freundin Leigh eine Theaterkompagnie auf und schreibt nebenbei selbst Stücke, aber es dauert, bis er sich traut, diese jemandem zu zeigen. Nina ist Schauspielerin. Vor einer dominanten Mutter, die sie bei jeder Gelegenheit kritisierte und klein machte, ist Nina in die Abhängigkeit einer für sie ebenso ungesunden Ehe geflüchtet. Von ihrem Mann wird sie bevormundet und kontrolliert. Nina ist unglücklich und Luke möchte ihr nicht nur helfen, er möchte bei ihr sein: Nina, so glaubt er, ist die eine Frau, die ihn alle anderen vergessen lassen wird und wegen der er seinen ausschweifenden Lebensstil ändern möchte. Seine große Liebe eben.

Sadie Jones’ neuer Roman „Jahre wie diese“ ist die Geschichte von Luke und Nina, genauso aber die von Paul und Leigh. Nachdem Paul und Leigh ein Paar werden, leben sie mit Luke zusammen in einer Wohnung. Sie sind ein unzertrennliches Dreiergespann und obwohl Paul und Leigh eine Beziehung haben, fühlen sie sich zu dritt – eingestanden oder nicht – wohler als allein zu zweit. Es ist eine Freundschaft, die auch die Arbeit umfasst und an der nichts und niemand rütteln kann, bis Nina auf der Bildfläche erscheint und sich die Dinge ändern. Luke und Nina hat die Vergangenheit jeweils geprägt, sehr unterschiedlich zwar, aber die schwierige Kindheit und Jugend ist ihnen gemein.

Sadie Jones gelingt es gut, den Leser in eine andere Zeit und in das Theatermilieu zu entführen. In den 70er Jahren wurde in London viel experimentiert und die Aufregung, dabei zu sein und an den Theatern in London etwas mitzugestalten, vermittelt die Autorin gekonnt. Die jungen Leute sind voller Idealismus, verzichten auf sichere Jobs, um sich ganz ihrem Traum von einem eigenen Theater zu widmen. Dieses Flair fängt Jones gut ein.

Die Geschichte um die vier Hauptpersonen des Romans hätte an einigen Stellen ein paar Seiten weniger vertragen. Was Lukes Gefühle für Nina angeht, so erscheinen sie manches Mal ein wenig eindimensional: Nicht nur liegt der Fokus stark auf der körperlichen Anziehung zwischen den beiden, was erstmal nur natürlich und nachvollziehbar ist. Allerdings sollte der Leser, wenn ihm eine große Liebe suggeriert wird, auch noch den einen oder anderen Anhaltspunkt darüber hinaus bekommen, was die beiden denn miteinander verbindet. Das bleibt die Autorin schuldig. Die Handlung geht so nicht voran und es erschließt sich dem Leser nicht, aus welchen Gründen die beiden denn sonst noch aneinander hängen. Einige andere Szenen zwischen ihnen scheinen sich ähnlich zu wiederholen: Den Roman etwas zu straffen, hätte ihm gut getan.

Davon abgesehen handelt es sich bei „Jahre wie diese“ um einen unterhaltsamen Roman mit Liebesgeschichte. Vielleicht nicht allzu überraschend im Verlauf, aber darüber kann man hinwegsehen. Sadie Jones erzählt eine Geschichte um Freundschaft, Liebe, Verrat und Vergebung, um Figuren, die lebensecht gestaltet sind und mit denen man gern mitfiebert. Sie zeigt, dass jeder durch das, was er bisher erlebt hat, geprägt ist, und all diese Erlebnisse mit sich nimmt in seine Beziehungen und Freundschaften: Jeder trägt seinen eigenen Ballast. „Jahre wie diese“ ist ein Ausflug in eine andere Zeit und in ein spezielles Milieu, der Sadie Jones gut gelungen ist.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 16. März 2015
  • Verlag : DVA
  • ISBN: 978-3-421-04629-1
  • Gebunden: 416 Seiten
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4 Gedanken zu “London, das Theater und die 70er

  1. Als Fan des Britischen Theaters hat mir der Roman sehr gut gefallen. Im Original heißt er Fallout und im letzten Jahr war es ein Book at Bedtime bei BBC Radio 4, gelesen von Hayley Atwell – ich kann das Audio Book sehr empfehlen.

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    • Der Titel ist mal wieder ein Beispiel für nicht ganz glückliche Titel-Übersetzungen – meiner Meinung nach. 🙂 Danke für den Hinweis, ich finde, das Flair hat Jones gut eingefangen.

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