Man kann nie alles sagen, dafür fehlt es der Welt an Geduld…

Fische„… Aber wenig von dem, was hier erzählt wird, was gesagt wurde und noch gesagt wird, Leben und Tod, Lachen und Trauer, wäre ohne Tryggvi zustande gekommen, ohne ihn befänden wir uns auf dem Grund des Schweigens, wären Schweigen, wären nichts, nicht einmal Tod, denn was niemals zu Vorschein kommt, ist nichts, es kann nicht einmal sterben.“ S. 190

Die Geschichte beginnt mit Ari, der drei Jahre zuvor seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder verlassen hat, einfach so, ohne Vorwarnung. Nun kommt er zurück, unsicher, ob er Pora noch liebt, unsicher offenbar generell, so scheint es. Er erinnert sich zurück an seine Jugend, früh hatte er seine Mutter verloren und lebte dann mit seinem Vater und seiner Stiefmutter in einem neuen Haus, beim Umzug verschwanden die Sachen der Mutter und zwischen seinem Vater und ihm herrschte die meiste Zeit Schweigen.

Aber Aris Geschichte reicht noch viel weiter zurück, bis zu der Geschichte seiner Großeltern Margrét und Oddur. Margrét war die Schwester von Oddurs bestem Freund Tryggvi, von Kindesbeinen an und schon mit elf sagte sie zu ihrem Bruder, dass sie Oddur heiraten werde. Nur seinetwegen kehrte sie nach Island zurück, nachdem sie einige Jahre zuvor von der Familie nach Kanada geschickt worden war, um sich um die Kinder einer verstorbenen Tante zu kümmern.

Jón Kalman Stefánssons Roman „Fische haben keine Beine“ erzählt von Aris Familie und ihrer Vergangenheit und schlägt dabei weite Bögen. Während der Klappentext suggeriert, dass es dabei hauptsächlich um Ari selbst und die Frage geht, ob seine Ehe noch eine Chance hat, widmet sich der Roman ausgiebig Margrét und Oddurs Liebes- und Lebensgeschichte und erzählt ebenso oft aus Aris Jugend, seinem Leben in Keflavík. Das ist eine kleine isländische Stadt, in die sich kein Tourist verirrt und aus der Ari und der namenlose Erzähler des Romans stammen und aus der sie so bald wie möglich verschwinden möchten. Der Erzähler gibt vor, Ari gut zu kennen, doch als Leser fragt man sich manches Mal, ob es ihn eigentlich wirklich gibt, so sehr bleibt er im Hintergrund.

Stefánssons Art und Weise, die Alltäglichkeit des isländischen Lebens literarisch zu vermitteln, ist kunstfertig. Immer wieder hält er inne, plötzlich, gerade noch hat er über eine alltägliche Begebenheit berichtet, da bricht er aus seiner Geschichte aus, beginnt, über das Leben, und zwar das Leben aller Menschen, zu philosophieren. Er verknüpft das Banale mit dem Bedeutungsschweren, aber nie erliegt er der Gefahr, sich dort zu verlieren, sondern kehrt nach diesen klugen Gedankenausflügen zurück zu seinen Figuren und zu seiner Geschichte.

„Wir sollten wohl besser nicht so oft an die Zeit denken, das bringt vieles durcheinander, macht unsere Schritte schwer, erinnert uns daran, dass unser Leben schneller vergeht, als wir denken können.“ S. 214

Mit der Zeit spielt auch Stefánsson in seinem Roman: Während Aris Rückkehr nach Island genauestens und in allen Einzelheiten thematisiert wird, lesen wir die Geschichte seiner Großeltern im Zeitraffer, hier vergehen die Jahre wie im Flug. Zwei, die aus Liebe zueinander fanden und die das Leben dann doch auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Gerade Margrét, Aris Großmutter, haderte immer wieder mit dem Leben, dem harten Alltag mit den Kindern, den sie allzu oft allein bewältigen musste, da Oddur lange als Fischer auf dem Meer war.

„Ich weiß nicht, ob wir uns wirklich ernsthaft darum bemühen, andere zu verstehen. Geben wir uns wirklich alle Mühe? Versuchen wir nicht im Gegenteil ein Leben lang, andere die Welt durch unsere Brille sehen zu lassen? Ist das nicht das größte Unglück?“ S. 243

Ari selbst muss einige Lektionen lernen, allen voran vielleicht die, dass im Leben nicht immer alles so ist, wie es scheint.

„Fische haben keine Beine“ erzählt von einer isländischen Familie, wobei der Autor sich Freiheiten nimmt, wie er will. Hier wird etwas eingeschoben, da klafft zunächst eine Lücke. Stefánssons Stil ist dabei mal virtuos, mal voller Bilder, dann wieder derb und direkt. Vor den Augen des Lesers entsteht so ein Bild des Lebens auf Island, im Einklang mit der Natur, die den Ton an-  und den Rhythmus vorgibt.

„Wir hätten vermutlich erst eine Fremdsprache lernen sollen, Chinesisch oder Suaheli, eine Sprache, die keine gemeinsamen Erinnerungen enthält, in der Wörter wie Liebe, Sehnsucht, Betrug nicht so schwer zwischen uns wiegen, dass sie uns lähmen oder aufregen und wir dann doch lieber wieder über Unverfängliches reden, über Themen, hinter denen man sich leicht verstecken kann, Politik, Fußball, Wetter.“ S. 383

Melancholisch und klug, sprachlich großartig: „Fische haben keine Beine“ ist große Literatur.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 9. März 2015
  • Verlag : Piper Verlag
  • ISBN: 978-3-492-05689-2
  • Gebunden: 416 Seiten
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