„Man kann ein Leben nicht ändern, das einem nicht gehört.“

Reichlin - In einem anderen LebenWie sehr prägt uns unsere Kindheit? Können wir das, was wir im Elternhaus erlebt haben, in diesen wichtigen Jahren, komplett abschütteln und so leben, als seien uns gewisse Wunden nicht zugefügt worden? Linus Reichlins Roman „In einem anderen Leben“ kreist um diese Frage. Sein Held Luis wuchs als Kind zweier alkoholsüchtiger Eltern auf, die sich irgendwann nur noch stritten und bekämpften. Lautstark. Luis versuchte, dieser Stimmung zu entkommen, konzentrierte sich stattdessen auf das Zusammensein mit seiner ersten großen Liebe. Ein schwerer Unfall machte dem Ehekrieg ein Ende. Jahre später, als Luis sich schon längst von der Vergangenheit gelöst zu haben glaubt (oder hofft?), erkennt er plötzlich ein Gemälde wieder, das mit jenem Unfall verknüpft ist. Die Vergangenheit holt ihn ein.

„In einem anderen Leben“ sind Luis Dinge passiert, an die er sich nicht erinnern möchte, sich aber immer wieder erinnern muss und so ist der Roman eine Art Aufarbeitung der Kindheit des Protagonisten. Wir lesen von seiner Jugend, davon, wie er der vergifteten Atmosphäre des Elternhauses entflieht. Wir lesen vor allem von seinen Beziehungen, die alle irgendwann scheitern, bis er eine Frau kennenlernt, bei der alles anders ist, da ihre Vergangenheit Parallelen zu der seinen aufweist. Die Beziehung scheint unter einem guten Stern zu stehen…

Der Roman, der völlig aus der Sicht des Protagonisten Luis erzählt wird, lebt denn auch ganz von seiner Art, diese Geschichte zu erzählen. Über weite Strecken liest sich der Roman fesselnd, man will unbedingt wissen, wie die Geschichte weitergeht, vor allem als es um das wieder entdeckte Gemälde geht. Im Laufe des Romans aber wird das ständige Kreisen um den Vater und die Schatten, die er über Luis’ Leben immer noch wirft, obwohl er ihn seit vielen Jahren nicht gesehen hat, leider ein wenig mühsam. Luis neigt dazu, die Schuld – vor allem bei Problemen in seinen Beziehungen – beim anderen zu suchen und sieht sich schnell als missverstandenes Opfer. Die Erzählweise Luis’ habe ich als durchaus charmant empfunden, der oft durchblitzende leichte Humor gibt dem Roman eine Leichtigkeit, die ihm in seinem schweren Thema gut tun. Die manchmal verschachtelten Sätze, in denen er mit zwar vielen Worten trotzdem geschickt auf den Punkt zu kommen weiß, haben den Schönheitsfehler, dass sich der Erzähler hier leider oft wiederholt. Sicherlich ein mit Bedacht gewähltes Stilmittel, aber mit der Zeit ermüdet es, den gleichen Sachverhalt doppelt und dreifach serviert zu bekommen, zumal man durch das immer wieder eingeschobene „wie gesagt“ wieder und wieder direkt darauf gestoßen wird. Das ist sicher Geschmackssache

So verliert Reichlins Roman leider im Laufe der Geschichte ein wenig an Kraft. Da fehlt eine gesunde Distanz zum Geschehen, Luis kreist sehr um sich selbst. Dagegen ist nicht unbedingt etwas einzuwenden, denn es geht schließlich um die Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Eine sicherlich nötige Aufarbeitung, das wird im Roman klar, denn Luis muss mit der Vergangenheit seinen Frieden schließen, um in der Gegenwart ankommen zu können. „In einem anderen Leben“ liefert eine gute, interessante Geschichte, und man will unbedingt wissen, wie sie ausgeht, auch wenn manchmal etwas weniger mehr gewesen wäre.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 9. Februar 2015
  • Verlag : Galiani Berlin
  • ISBN:  978-3-86971-104-1
  • Gebunden: 384 Seiten

 

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2 Gedanken zu “„Man kann ein Leben nicht ändern, das einem nicht gehört.“

  1. Ich habe das Buch verschlungen. Eine schöne Rezension. Mir wurde es allerdings mit dem „um sich selbst kreisen“ nicht zuviel. Für mich legte er an Spannung immer noch zu, gerade als er die inneren Gespenster plötzlich im Äußeren manifestiert sieht. LG xeniana

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