Reiseführer in den Krieg

irakWas gibt man Menschen mit, die in ein ihnen fremdes Land fahren – Reisetipps zu Land und Leuten, ganz klar. Auch dann, wenn der Zweck der Reise nicht Urlaub oder Forschung, sondern ein militärischer Einsatz, also Krieg ist?

1943 schickten die USA ihre Soldaten in den Irak, um den Vormarsch der Nazis aufzuhalten – und um den Zugang der durch die Briten erschlossenen Ölquellen weiterhin zu sichern. Schon damals ging es – auch – um die Sicherung von Rohstoffen, die den aufstrebenden Industrienationen ihre „Überlegenheit“ gegenüber den Staaten sichern sollten, die die wahren Eigentümer dieser sind. Die Irakis – oder wie im Handbuch für amerikanische Soldaten von 1943 Iraker genannten Bewohner des Landes – werden als äußerst religiöse, traditionsbewusste, höfliche, gastfreundliche und Rassen-vorurteilsfreie – „… die Iraker scheren sich nicht besonders um unterschiedliche Hautfarben … „ – Menschen gezeigt. Für die amerikanischen Soldaten ist vor allem wichtig, anderen gegenüber Respekt und sich als „Botschafter des guten Willens“ zu zeigen. Menschlichkeit wird hier propagiert – genauso wie das Bestreben, Hitler gemeinsam aufzuhalten. Obwohl es hier auch um die Sicherung von Ölquellen geht – auf der in der Mitte des Handbuches abgebildeten Landkarte ist sogar die Lage der Ölpipelines eingezeichnet – wird der durchaus humanitäre Punkt des gemeinsamen Kampfes gegen Nazi-Deutschland doch deutlich.

Wenn heute US Soldaten in den Irak geschickt werden, geht es wieder um die Sicherung von Energiequellen und gleichzeitig um die Regulierung der Fehler, die im Zuge der Versuche, die politische Lage dort stabil zu halten, durch das Eingreifen der westlichen Mächte gemacht wurden. Wir alle wissen, wie Regierungen von außen gebildet, am Leben erhalten und wieder gestürzt wurden, wenn die Inhaber der Machtbefugnisse sich anders entwickelten, als von den westlichen Mächten gewünscht. Beispiele für solche Eingriffe von außen gibt es zuhauf – man denke nur an Lawrence von Arabien oder lese den äußerst bissigen und unterhaltsamen Roman Scoop von Evelyn Waugh, um nur zwei Beispiele für eine langjährige Tradition der massiven Einmischung von außen aufgrund kolonial anmutender Interessen aufzuzeigen.

So lösten die Briten 1920 die Provinzen Bagdad, Mossul und Bazra aus dem damaligen Osmanischen Reich heraus und verschmolzen sie zu dem Staat, den wir heute als Irak kennen. Der Völkerbund übertrug den Briten das Mandat über den Irak und damit wurde das Britische Mandat Mesopotamien errichtet. 1921 wurde der Irak zum Königreich, das 1932 in den Völkerbund aufgenommen wurde. Die wesentlichen Aktivitäten, die die Förderung von Öl angingen, liefen ab 1929 über die Iraq Petroleum Company – entstanden aus der Turkish Petroleum Company – zusammen, die kaum Gebühren zu zahlen hatte und komplett nicht-irakischen Unternehmen gehörte.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges brach der Irak die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab und nahm eine probritische Haltung ein, die weder beim Militär noch in breiteren Bevölkerungsschichten auf Zustimmung traf. 1941 brachte das Militär durch einen Putsch die Macht an sich und am 02. Mai 1941 kam es zu den ersten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen britischen und irakischen Truppen, die einen Monat andauerten und mit einer irakischen Niederlage endeten. Mithilfe der Briten nahm der vor dem Putsch amtierende Premierminister seine Tätigkeit wieder auf, womit das britische Mandat und die damit einhergehende politische, ökonomische und militärische Einflussnahme wieder her gestellt war. Den faschistischen Achsenmächten erklärte der Irak im Januar 1943 den Krieg.

Das war die Ausgangssituation, die das Handbuch für amerikanische Soldaten im Irak 1943 nur ganz knapp mit dem Eingangssatz “ Sie wurden als Teil einer weltweiten Offensive gegen Hitler in den Irak abkommandiert. … “ umriss. Was dem folgt ist einem typischen Reiseführer nicht ganz unähnlich. Sitten und Gebräuche, Geographie und Klima, zu meidende Gefahren und anzuwendende Verhaltensregeln … all das wird auf knappen 44 Seiten in einem durchaus respektvollen Ton angesprochen. Insofern fühlte sich die Lektüre etwas ambivalent an, lernt man doch einiges über Land und Leute mit dem Hintergrund, in militärische Aktionen verwickelt zu werden.

Wie soll man ein solches Buch einordnen? Ehrlich? Keine Ahnung. Dieser Leitfaden ist weder Literatur, noch wirklicher Reiseführer, sondern ein Gebrauchstext, der manchmal den Anschein hat, für Menschen geschrieben worden zu sein, die die Dinge ganz einfach dargestellt brauchen:

“ .. Im Irak ist es heiß …“ – da möchte man schon mit Loriot ausrufen, „Ach was!“ oder “ … das ist also gestreift.“

Die Maßstäbe, die sonst an die Lektüre gelegt werden, greifen in diesem Fall eben nicht und so muss man mit dem Unbehagen, nicht zu wissen, was mit diesem historischen Zeugnis anzufangen ist, einfach leben.

Dennoch hat mich die Lektüre dazu gebracht, mich mit den Hintergründen und Vorgeschichten näher zu befassen und die Einsicht gewinnen lassen, dass es schon immer nur um eines ging: Macht, Geld, Öl und Vormachtstellungen. Niemals wirklich um ein „miteinander“.  Das Vorwort, das das schmale, in deutscher und englischer Sprache gleichzeitig herausgegebene Büchlein enthält, bietet einiges an erklärenden Angaben – wer es verfasst hat, bleibt im Dunkeln.

Das Nachwort jedoch trägt die eindeutige „Handschrift“ von Roger Willemsen. Es unterstreicht in einigen Punkten die eigenen Gefühle, die die Lektüre hervorrief, in einem Punkt aber, meine ich, hat sich Herr Willemsen geirrt, wenn er schreibt:

“ … Auch genügen dem „Leitfaden“ trotz seiner mitunter treuherzig formulierten guten Absichten immer Pauschalurteile über „die Iraker (so nennt man die Menschen dort)“, besitzen diese doch offenbar ein weniger professionell entwickeltes Innenleben als die US-Amerikaner: „Auf unserer Seite ist es durchaus möglich, gleichzeitig ein Soldat und ein Individuum zu sein.“ Aber auf der Gegenseite? … „

Meiner bescheidenen Meinung nach sind hier nicht die Iraker angesprochen, wenn es darum geht, individuell sein zu können oder nicht, sondern die tatsächliche Gegenseite – also die faschistischen Gegner, die ja gerade alles Individuelle zu unterdrücken und auszumerzen versuchen. Und genau hier liegt der Unterschied zwischen der damaligen Haltung der USA zum Irak gegenüber ihrer heutigen Einstellung: Damals ein Volk, dessen Umgangsformen und Traditionen in allen Fällen zu respektieren sind – heute die Bewohner eines „Schurkenstaates“, eines „Reich des Bösen“. Um in ein Land einzumarschieren, darf man eben nicht differenziert denken.

 Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 05. März 2015
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04788-2
  • Gebunden: 128 Seiten

 

 

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7 Gedanken zu “Reiseführer in den Krieg

  1. Roger Willemsen ist ja nicht nur äußerlich ein enger Verwandter von Gustav Gans…So wie Gustav seine Taler findet, hat Roger immer den richtigen Riecher und setzt seine Duftmarken in Poltik, Kultur und Musik. Warum nicht mal Krieg mit der Hornbrille des geleckten Schlaumeiers betrachtet?

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    • Äußerlichkeiten lasse ich bei der Betrachtung von Texten eigentlich immer beiseite … hat ja nichts mit dem Gesagten oder Geschreibenen zu tun, welches Brillengestell jemand trägt 😉 Aber vielleicht ist bei diesem Nachwort auch ein wenig rasch getextet worden … wer weiß? Lg, Bri

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      • Dem stimme ich zu. Aber Roger Willemsen ist ja nicht nur ein Mann des Wortes, sondern eine bekannte Person, die in den elektronischen Medien ungern eine Auftrittsmöglichkeit auslässt. Warum auch nicht? Gemessen daran, dass sein Gesicht und der damit verbundene Habitus oft zu sehen ist, erlaube ich mir auch das zu sagen, was ich sehe, wenn ich ihn sehe. Und er ist oft zu sehen. Warun schreiben nicht Leute ein Nachwort, die Ahnung von der Materie haben. Herr Willemsen hat sicher Ahnung, aber nur ein bisschen. So gesehen gibt es schon einen erweiterten Zusammenhang zwischen dem von mir erwähnten Gustav Gans-Image und der Willemsenschen Dauerpräsenz im deutschsprachigen Buchhandel. Nicht schlimm, aber stellenweise fade diese ewige Glückseligkeit á la Gustav Gans.

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