Das neue Leiden des Odysseus

LanierEin Buch über unsere Zukunft? Von einem Informatiker, der letztes Jahr den Friedensnobelpreis bekommen hat. Ist das auch für Nichtnerds verständlich? Ja, definitiv. Was hat dies mit Odysseus zu tun? Nach der Lektüre wird sich so mancher an den virtuellen Mast binden. Viele tun es bereits heute, ihre Ohren sind aber dabei verstopft. Jaron Lanier erläutert anschaulich, weshalb man Ohren entstopfen und besonders das HIRN freimachen sollte.

Jaron Lanier entwickelt in seinem Buch 3 Hauptideen, wie die Zukunft mit den neuen Medien zu gestalten ist. Dabei geht er von dem Konzept der ‚Sirenenserver‘ aus. Diese sind Superserver, die fleißig Daten der Nutzer sammeln und sie für ihre Zwecke gebrauchen. (Amazon, Facebook, Google, NSA) Dem Ruf des Sirenenservers muss man nicht folgen, aber macht er einem die Arbeit nicht einfacher, wird das Leben nicht schöner? Wenn ich alle Fotos auf Facebook poste, in Kontakt mit meinen Freunden bin und sehe was sie tun? Alles umsonst – wow! Mitnichten! Unmengen Daten zum Abgreifen für die Werbespione der Obengenannten. Was passiert, wenn der Server nicht funktioniert, langsam ist, die Daten weg sind?! Bin ich dann virtuell tot?

Das ist der Erste Punkt von Lanier

1) Das Risiko wird auf die Benutzer abgewälzt, nicht auf die Betreiber der Sirenenserver und Informationssammler.

Sirenenserver von Gesundheitsversicherern sammeln z.B. Gesundheitsdaten von allen Menschen, denn versichert werden sollen nur diejenigen, bei denen das Risiko gering ist, die nicht krank sind. Die Beiträge sind dann bei diesen sehr gering, doch die, die einen Schutz benötigen, haben keinen. Bezahlt wird dies letztendlich von der Allgemeinheit, die die Kranken mittragen muss, also jeder. Dies ist insgesamt teurer – für die Gemeinschaft. Die Sirenenserver schöpfen somit den Rahm ab, ohne eigenes Risiko. Woher kommen eigentlich die Daten, die ein Maximum an Gewinn bringen? Natürlich von allen Benutzern der Server. Doch diese Daten werden umsonst hochgeladen. Somit hat der Server (bzw. der Betreiber) eine Win-Win Situation. Ich bezahle nichts für die Informationen und kann sie noch gewinnträchtig vermarkten. Wenn Benutzer für ihre Daten entlohnt werden sieht die Situation anders aus. Lanier entwickelt sogar eine detaillierte über Generationen funktionierende Abrechnung des Urheberrechtes.

Denn:

2) Die Informationen der Benutzer, die diese abgeben, sollen bezahlt werden.

Jeder gibt bereitwillig Daten ab, ohne entlohnt zu werden. Es ist ja das Meiste umsonst – doch obacht! Durch Monopolisierung wird eine Macht geschaffen, die im Prinzip alle Preise diktieren kann. Und wenn Server die Daten verwenden können, sollen die Urheber monetär entschädigt werden.

„Die Grundidee der humanistischen Informatik lautet, dass die Herkunft wertvoll ist. Hinter Informationen verbergen sich immer Menschen, und Menschen müssen für den Wert bezahlt werden, den sie zu einem digitalen Netzwerk beitragen und der dort verschickt oder gespeichert werden kann.“

Das Urheberrecht ist auch einer der sogenannten Deiche, die die Mittelschicht vor den Superreichen schützen. Dieser Deich und andere sind im Laufe des digitalen Zeitalters aufgeweicht. Dadurch ist die Mittelschicht gefährdet. Dies belegt er mit der immer freieren Verfügbarkeit von Musik, Fotos oder Beiträgen, die von den Urhebern frei ins Internet gestellt werden und die vorher davon lebende Mittelschicht der Musiker, Fotografen und Journalisten gefährdet, bzw. untergräbt. Interessant ist auch die technische Verbesserung des Urheberrechtes durch sogenannte ‚Two-Way‘ – Links. So sieht jeder Autor, wo sein Artikel gerade verwendet wird.

3) Die Mittelschicht muss gestärkt werden, mit Deichen, ansonsten frisst sich der Markt selbst auf.

Die Sirenenserver vernichten mehr Arbeitsplätze als sie schaffen. Dadurch wird die Mittelschicht verkleinert und das Kapital schnell umverteilt – nach oben in Richtung der Sirenenserver.

„Wenn nur bestimmte privilegierte Marktteilnehmer Kapital besitzen, während alle anderen lediglich Dienstleistungen kaufen können, wird sich der Markt schließlich selbst auffressen und zu einem Nichtmarkt werden.“

Insgesamt hat Lanier nichts gegen eine weiterführende Sammlung von Informationen und Nutzung – aber nur wenn diese drei Punkte berücksichtigt werden und – ganz wichtig der Faktor Mensch.  

„Wenn wir eine Welt erschaffen wollen, die gut ist für den Menschen, dann muss der zuhnehmenden Gleichsetzung von Menschen und Maschinen entgegengewirkt werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass dem technischen Fortschritt eine Philosophie zugrunde gelegt wird, in der Menschen keine herausgehobene Stellung mehr innhaben.“

Der Mensch steht bei ihm im Mittelpunkt, die Technik dient dem Menschen und wird ihm nicht gleichgesetzt. Das geht auch wegen der fehlenden Biologie nicht. Nebenbei entwickelt er auch noch interessante Zukunftsvisionen wie den 3D Drucker, der das neue Tablet bequem von zu Hause druckt. Insgesamt ein sehr interessantes und auch für Nicht-Informatiker sehr lesenswertes Buch. Lanier erklärt bildhaft und mit vielen Anekdoten aus seinem wechselreichen Leben, auf was für Irrwegen wir sind und was für Folgen dies hat. Er zeigt uns auf, wie wir diese verlassen können und was wir in Angriff nehmen müssen, denn so fahrlässig wie wir mit unseren Daten und dem Internet umgehen, sind wir auf dem Holzweg. Dass dies nicht von heute auf morgen passiert und dass auch die Politik regulierender eingreifen muss, wird einem nach der Lektüre klarer. Was das Buch so liebenswert macht, ist ein schon fast infantiler Grundpositivismus der es durchzieht. Lanier glaubt an die Zukunft und versucht sie zu verbessern – im Sinne der Menschen, denn:

Die Zukunft gehört nicht der virtuellen Realität sondern dem Menschen!

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 8. Februar 2014
  • Verlag : Hoffmann und Campe
  • ISBN: 978-3-455-50318-0
  • Fester Einband : 480 Seiten
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4 Gedanken zu “Das neue Leiden des Odysseus

  1. „Heute eine kritische Haltung gegenüber Big Data einzunehmen, sollte für jeden vernunftbegabten Menschen selbstredend sein.“ ISollte, faktisch scheitert es teils am Können und auch am Wissen. Daher sind Mahnrufer wie Lanier wichtig.
    Er hat auch in erster Linie die Verbraucher im Visier. Setzt auf ein Umdenken bei ihnen damit sie dann von Politik und Konzernen einfordern können was nötig ist getan zu werden, sprich Staat, Gesetzgeber, Unternehmen aufzufordern Maßnahmen zu ergreifen um das Gewünschte umzusetzen, die Zukunft für Menschen und nicht für Unternehmen zu gestalten. Dieses Buch ist ein Aufruf dazu. Leider gibt es keinen mir bekannten Aufruf der sich an die Allgemeinheit in leicht verständlicher Sprache wendet. Es sind die Gebildeteren die erreicht werden , die jenigen Medien die sich an die weniger bildungsaffine Mehrheit der Gesellschaft richten können sind fest in der Hand der Wirtschaft, die logischerweise keinerlei Interesse an einer Veränderung des Status Quo hat. Der Unmut und das Gefühl abgehängt zu werden der sich in Pegida und AFD äußert, dieses Potential zu nutzen wäre der richtige Ansatz. Nur sind hier leider ganz andere Agitatoren am Werk. Es ist das „Rudi Dutschke“ Problem. Sein Einsatz für die werktätigen Massen kam ebenda nie an, wegen unüberwindbarer Kommunikationschwierigkeiten aufgrund von Bildungsgefälle. Je sperriger desto ineffektiver. Je mehr Menschen man erreichen kann desto eher wird sich zugunsten der Menschheit ändern.

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  2. Heute eine kritische Haltung gegenüber Big Data einzunehmen, sollte für jeden vernunftbegabten Menschen selbstredend sein. Insofern ist Lanier ein angenehmer Repräsentant, jedoch in der Analyse mir einmal mehr einer von vielen, die die moralisch und ethischen Verantwortungen primär bei Institutionen sehen. Die Unternehmen, der Staat, die Gesetzgeber etc. pp müssen dafür sorgen. Sicher müssen die Institutionen die Rahmenbedingungen gestalten und einhalten. Doch zuvorderst müssen wir begreifen, wie viel Solidarität wir kündigen, wie viel Selbstoptimierung wir uns in der Gesellschaft auferlegen.

    Für mich war in dieser Hinsicht das Buch von Yvonne Hofstetter deutlich stärker auf den Punkt, auch wenn es etwas spröde wirkt. Mein Resümee dazu findet man hier: https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/10/16/sie-wissen-alles-und-wir-konnen-nicht-behaupten-wir-hatten-von-nichts-gewusst/

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    • Wichtig ist, wie meine Vorrednerin bemerkte, zu verstehen was da vor sich geht. Insofern ist Laniers Buch bildlich und verständlich angelegt. Die neue Freiheit ist nur scheinbar, regulieren ist wichtig, damit eine Freiheit jenseits der Wirtschaft und des Geldes entstehen kann. Im Gegensatz zu der These von Frau Hofstetter, dass Konzerne wie Facebook den Big-Data-Markt der Finanzmärkte als Blaupause nehmen, sehe ich eher einen anderen Trend. Finanzdienstleister möchten den letzten Cent aus Transaktionen herausquetschen und bracuhen riesige und schnelle Rechner, denen die Gefahr des Dominoeffekts zugrunde liegen (Lehmann), aber Facebook benutzen andere Algorithmen. Ob jetzt die Ersteller der Algorithmen verantwortlich zu machen sind? Soll der Messserschärfer mitverantworlich sein, wenn sein Messer für einen Mord verwendet wird? Anderes Thema. Bei Lanier ist einfach die Menschlichkeit hervorzuheben! Die Zukunft gehör dem Menschen!

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