Der Splitter im Herzen

SchneeköniginHans Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“ erzählt von einem Jungen, der von Splittern eines zerbrochenen Zauberspiegels im Auge und im Herzen getroffen wird. Fortan sieht er die Welt hässlich und böse und sein Herz wird eiskalt. Seine Spielkameradin macht sich schließlich auf die Suche nach ihm und findet ihn im Palast der Königin. Er erkennt sie nicht, aber ihre Tränen lassen das Eis in seinem Herzen schmelzen und den Splitter im Auge verschwinden, so dass alles gut werden kann und die beiden, inzwischen erwachsen, gemeinsam nach Hause gehen.

In Michael Cunninghams gleichnamigem Roman „Die Schneekönigin“ lernen wir eine Handvoll Menschen kennen, die in New York leben. Vor allem zu Beginn vermittelt der Autor eine winterliche Stimmung, da ist der Schnee, der durch das geöffnete Fenster ins Schlafzimmer weht, Eis und Kälte, die Stadt schläft, die Welt dreht sich langsamer, bevor der nächste Tag anbricht. Die Brüder Tyler und Barrett leben mit Beth, Tylers großer Liebe zusammen, die schwer und fast hoffnungslos an Krebs erkrankt ist. Barrett wurde gerade per SMS von seinem letzten Freund verlassen – nicht die erste Beziehung, die vom anderen beendet wurde, ohne dass Barrett wirklich weiß, warum.

Die beiden sind ungleiche Brüder:

„Barrett ist ein großer Kerl, nicht dick (noch nicht), aber bärengleich, mit purpurroten Lippen und Augenrändern; sein Pelz ist rotblond und er strahlt (hofft er) eine bezaubernde, sinnliche Durchtriebenheit aus; er ist der Prinz, der sich in einen Wolf oder Löwen verwandelt hat, ganz der träge Sanfte mit großen Tatzen und gierigen gelben Augen, der nur darauf wartet, von der Liebe wachgeküsst zu werden. Tyler ist geschmeidig und sehnig, von muskulöser Spannung. Selbst im Ruhezustand sieht er aus wie ein Trapezkünstler kurz vor dem Absprung. Tylers Körper ist mager, aber dekorativ, der Körper eines Akrobaten; aus irgendeinem Grund drängt sich die Vokabel „fesch“ auf. Tyler begegnet seinem Körper ohne jeden Respekt. Er agiert mit der Waghalsigkeit eines Zirkusartisten.“ (S. 36f)

Beruflich sind beide, obwohl um die 40, noch auf der Suche, ahnen langsam, dass die große Karriere vielleicht doch ausbleiben wird. Barrett hat Vieles ausprobiert und dann wieder gelassen, er arbeitet nun als Verkäufer im Laden einer Freundin. Tyler versucht immer noch, mit seiner Musik irgendwann den großen Durchbruch zu schaffen. So ist es auch ein Song, ein Liebeslied, das er Beth zu ihrer bevorstehenden Hochzeit schenken will, eines, an das er solch hohe Ansprüche stellt, dass diese von vornherein nicht erreichbar sind. Inspiration erhofft er sich dabei auch durch das Kokain, auf das er nicht verzichten mag – oder kann? Beth und ihre Pflege sind Tylers ganzer Lebensinhalt. Barrett, der mit dem Paar zusammen in einer Wohnung lebt, fühlt sich ihr ebenfalls stark verbunden. Eines Abends sieht er ein helles Licht am Himmel, das er für ein Zeichen hält. Halten will. Und ist es nicht so, dass es Beth wirklich gegen alle Prognosen kurz darauf wieder besser geht?

Mit leichter Ironie speilt Cunningham in seinem Roman mit den Motiven aus Andersons Märchen:

„Da ist ein Staubkorn in seinem Auge. Er versucht es wegzublinzeln – er darf Beth nicht loslassen, um sich etwas aus dem Auge zu reiben, nicht jetzt.“ S. 154f

Aber verschließt Tyler sich – wie im Märchen – vor der Schönheit? Der Andersonssche Splitter im Herzen findet dagegen Einzug in Tylers Song. Cunningham setzt diese Stücke aus dem Märchen, das ihm den Titel für seinen Roman gab, dezent ein und überlässt die Interpretation größtenteils seinen Lesern. Ohne diesen Hintergrund ist der Roman ebenso lesbar.

Cunninghams zum Teil verschachtelte Sätze und die bild- und metaphernreiche Sprache tragen dazu bei, dass der Roman und seine Handlung nicht immer konkret zu fassen sind. Oft steht da so viel geballt auf kleinstem Raum, dass es sich lohnt, die Passage noch einmal zu lesen, auf sich wirken zu lassen, über sie nachzudenken.

So geht man den Weg der Brüder gerne für eine Weile mit. Cunningham versteht es, in seinen Bann zu ziehen. Und wenn am Ende einige Fragen offen bleiben, wenn die Geschichte irgendwo endet, wo auch das wahre Leben sich nicht an dramaturgische Regeln hält, wenn der Autor seinem Leser die Freiheit überlässt, das in die Geschichte hineinzulesen, was der Einzelne dort findet oder finden möchte, dann muss man nicht mehr fragen, was er damit sagen wollte. „Die Schneekönigin“ ist ein atmosphärisch dichter Roman, der sich zu lesen lohnt.

Buchdetails

 

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