Gerechtigkeit der Hilfstätigkeiten

Die Maschinen von Ann LeckieDas Erste was man liest, wenn einem das Buch in die Hände fällt, ist Science-Fiction-Ereignis. Hugo und Nebula Award sind die höchsten Preise der SF Zunft. Hält das Buch was es verspricht?

Wir befinden uns in einer sehr fernen Zukunft. Das Radchaai Imperium ist sehr groß geworden und ist darauf angewiesen, fremde Welten zu annektieren. Anders können die immer mehr gesteigerten Bedürfnisse der Bürgerinnen nicht befriedigt werden. Die Grundlage für die Siege der Radchaai liegen in der Art der Truppen. EIne KI ist mit dem Schiff und den einzelnen Truppenteilen derart verschmolzen, dass sie eine Einheit bildet. Alle Sinneseindrücke der Teile werden gleichzeitig erlebt, so können jederzeit sehr schnell die Informationen geteilt und Entscheidungen getroffen werden. Die körperlichen ‚Teile‘ (Ancillary) dieser Einheit werden von den besiegten Völkern gestellt, eingefroren und bei Gebrauch aufgetaut. Nach einer kurzen Zeit der Irritation nach dem Auftauen, hat das Schiffskollektiv, dieses neue Teil auch unter Kontrolle. Diese Ancillaries sehen alles als Kollektiv und sind eine überaus schnell handelnde Tötungsmaschine. Die Kapitäninnen und Offiziere sind allerdings Menschen. Ein Privatleben gibt es nicht, durch die Kollektive (Schiffe, Stationen) wird auch alles aufgezeichnet und gesehen, was passiert.

„Ich war wieder in der Radch, niemals allein, niemals privat.“

Das Buch beginnt, als die geehrte Breq einen Führungsoffizier halbtot im Schnee findet. In zwei Ebenen wird einerseits von einer Annexion und einer Krise erzählt, andererseits erfahren wir etwas von Breq und ihrer Aufgabe. Alle Informationen muss sich der Leser aus den Handlungen und Gesprächen, mühsam zusammen reimen.
Erzählt werden beide Geschichten aus der Sicht von Breq, als Kollektiv, als Schiff, ‚Gerechtigkeit der Torren‘, aber auch als Breq, als Einzelperson. Wir erfahren, dass Breq ein Teil des Schiffes war, Eins Esk Neunzehn, und bei einer Krise vom anderen Teil des Schiffes getrennt wurde. Sie ist auf der Suche nach der Herrscherin, Anaander Minaai, und ihren verschiedenen Ausprägungen. Anaander Minaai ist fast unsterblich, da sie sich mehrfach geklont hat, was allerdings auch die Gefahr birgt, dass sich die Klone in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Diese verschiedenen Herrscherinnen sind der Grund der Krise. Um ein solches Imperium zu befehlen, muss sie auch gnadenlos, unbarmherzig sein.

„Wo ich herkomme haben wir ein Sprichwort. Macht benötigt weder Erlaubnis noch Vergebung.“

Damit Breq ihr Ziel verwirklichen kann, braucht sie die ultimative Waffe, denn die Radchaai sind eigentlich fast unverletzlich.

Es ist schwierig eine Art Inhaltsangabe zu diesem Buch zu schreiben, zu dicht, zu verwoben sind die einzelnen Teile. Der Leser muss sich durch diese Fragmente regelrecht durcharbeiten und ab dem Drittel des Buches beginnt sich langsam ein Bild zu formen. Es ist wie puzzeln ohne das fertige Bild zu kennen. Die einzelnen Teile sind faszinierend fremd und gerade die Sicht eines Kollektivs auf die Welt ist rätselhaft und reizvoll. Die Beschreibung einer Einheit, die 100 verschiedene Blickwinkel hat und trotzdem eigene Gedanken und Gefühle, gerät Ann Leckie sehr gut. Überhaupt hat sie einen sehr unüblichen Roman geschaffen. Geschrieben ist der Roman im generischen Femininum, was einerseits irritiert, da man nur die männliche Sicht kennt, aber logisch ist, weil im Radchaai Umiversum diese weibliche Sicht vorherrschend ist. Dadurch kommt es skurrilen Situationen weil Breq in anderen Kulturen – die Unterscheidungen zwischen männlich und weiblich kennen – keine Möglichkeit besitzt, um die Formen korrekt anzuwenden. Diese exotische Atmosphäre versetzt den Roman und den Leser in eine wirklich fremde Welt, wo es nur wenige Anknüpfungspunkte zu heute gibt. Dies ist demnach auch kein Buch für SF Neulinge, mal eben ein SF lesen, würde hier zu Frustration führen und die Leserin würde schnell aufgeben.

Spannung wird viel durch Dialoge erzeugt, minimale Verschiebungen in Interaktionen, die kulturell bedingt schon schwierig zu erklären, zu verstehen, sind.

„Welchen Unterschied hätte das gemacht? Vielleicht einen sehr großen. Vielleicht auch gar keinen. Zu viele scheinbar berechnbare Personen, die in Wirklichkeit auf Messers Schneide balancierten oder deren Bewegungsrichtungen sich womöglich sehr leicht ändern konnten, wenn ich es nur genauer wüsste.“

Eine wirkliche ‚Action‘ ist hier nicht zu sehen, trotzdem wird jeder, der sich auf das Buch einläßt, unverzüglich in seinen Bann geschlagen. Mit allen großen Preisen der SF ausgezeichnet, ist dies für Freunde des Genres ein höchst anspruchsvolles und interessantes Buch, welches als Anfang einer Trilogie gedacht ist. Damit reiht sich Ann Leckie neben Frank Herbert, Ursula K. Le Guin, Orson Scott Card, u.a. in die Liste der großen Autorinnen ein, die mit den beiden großen Auszeichnungen bedacht wurden, die im Genre verliehen werden: Dem Hugo Award und dem Nebula Award!  Für Neueinsteigerinnen nicht geeignet.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 09. Februar 2015
  • Verlag : Randomhouse
  • ISBN: 978-3-453-31636-2
  • Taschenbuch: 544 Seiten

 

 

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