„It’s the end of the world as we know it, and I feel fine.“

Dermont_In guten Kreisen_Cover„Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen, und mir geht es gut“, so singen R.E.M. in einem bekannten Song (und so zieht dieser schnell und flüchtig durch den Roman), aber man kann nicht behaupten, dass es Jason Prosper gut geht, auch wenn seine eigene Welt sich tatsächlich gerade stark verändert hat. Jason kommt aus „guten Kreisen“, seine Eltern sind reich, er nimmt diesen Wohlstand hin, da er für ihn selbstverständlich ist, ein wenig verächtlich. Und er weiß, wer Geld hat, kann Fehler ausbügeln und sich Dinge erkaufen. So wechselt er, durch gute – das heißt finanzielle – Argumente seines Vaters unterstützt, für sein letztes Schuljahr 1987/88 auf die Bellingham Academy, ein Internat an der Atlantikküste. Hierhin kommen viele für ihre zweite, ihre dritte oder auch letzte Chance. Verwöhnte Jugendliche, aber aus ihnen soll schließlich einmal etwas werden, und dafür braucht es einen Abschluss.

Jasons Welt geriet aus den Fugen, als sein bester Freund sich im vorangegangenen Schuljahr das Leben nahm. Die beiden waren unzertrennlich, vor allem bildeten sie ein unschlagbares Team beim Segeln. Jason fühlt sich für Cals Suizid verantwortlich. Nur nach und nach erfährt der Leser, was zwischen den Freunden vorgefallen ist, und welche Schuld Jason auf sich geladen haben könnte. In Bellingham freundet sich Jason mit der Außenseiterin Aidan an, der er sich schnell verbunden fühlt. Sie scheint eine Chance für ihn zu sein, sein Leben wieder hoffnungsvoll anzugehen, aber es kommt anders.

„In guten Kreisen“ von Amber Dermont erzählt die Geschichte Jasons, für den es denkbar schwer ist, erwachsen zu werden. Es ist eine banale Wahrheit, dass Geld allein nicht glücklich macht, hier findet man sie bestätigt. Jason muss nicht um seinen Wohlstand bangen. Sein Inneres aber, seine Gefühlswelt, ist aus den Fugen geraten. Manchmal betäubt er sich, wie unter den Jugendlichen in Bellingham üblich. Und so wird denn im Internat gekifft und getrunken, und auch sexuell kommt man sich näher – seit kurzem sind auf der Schule auch Mädchen zugelassen – das alles zuweilen wahllos, ohne Perspektive. Man lebt in den Tag hinein. Die Jugendlichen wissen mit ihrer Privilegiertheit nicht viel anzufangen.

Einige Seiten hätte der Roman weniger vertragen, gerade die Schilderungen der Partys, auf denen Jason sich befindet, ermüden manchmal ein wenig. Wenn man des Segelns nicht kundig ist, bleiben die Beschreibungen hierzu theoretisch, andererseits vermitteln sie recht gekonnt Jasons Gefühl auf dem Wasser und geben einen Eindruck davon, dass er sich hier frei fühlt. Dermonts Protagonist überzeugt vor allem durch seine Ehrlichkeit, auch sich selbst gegenüber. Manches Mal stutzt man, dass er etwas nicht nur denkt, sondern auch ausspricht, vor allem aber sich selbst gegenüber ist er schonungslos.

Die Autorin lässt Jason nüchtern und direkt erzählen, so dass seine Geschichte authentisch wirkt. Sein Zaudern und Hoffen, sein Nicht-weiter-wissen, seine Trauer sind unmittelbar und wirken stark.

Wie würde es Jason, gäbe es ihn wirklich, wohl heute gehen? Hätte er den Weg seines Vaters und Bruders eingeschlagen, wie es für ihn vorgesehen war, hätte er Karriere gemacht und Geld angehäuft? In stabilen Verhältnissen gelebt? Wäre er an seiner schwierigen Jugend gewachsen oder zerbrochen?

Amber Dermont hat einen eindrücklichen Roman geschrieben, der seinen Sog erst im Laufe des Lesens richtig entwickelt und den man irgendwann kaum mehr aus der Hand legen mag. Die ehrliche und authentische Geschichte eines schwierigen Erwachsenwerdens.

 

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 10. Februar 2015
  • Verlag : mare Verlag
  • ISBN: 978-3-86648-192-3
  • Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
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2 Gedanken zu “„It’s the end of the world as we know it, and I feel fine.“

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