Das Bild ohne Rilke

KonzertMaler Heinrich Vogeler und Dichter Rainer Maria Rilke lernten sich um die vorletzte Jahrhundertwende in Florenz kennen und wurden Freunde. Ein paar Jahre später hatten sie sich schon wieder entfremdet. Von der „Seelenverwandtschaft“, wie diese Freundschaft in Klaus Modicks Roman „Konzert ohne Dichter“ immer wieder bezeichnet wird, war nichts mehr zu spüren.

Die Geschichte, die Modick erzählt, setzt im Jahr 1905 ein, als Vogeler nach Oldenburg reist, wo ihm die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen werden soll. Gewürdigt wird das Gemälde „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“, das eine Gesellschaft in der Künstlerkolonie Worpswede darstellt. Vogeler und einige Zeitgenossen wie Fritz Mackensen, Otto Modersohn und Paula Becker, die Modersohn später heiratete, lebten dort in einer Art Künstler- und Arbeitsgemeinschaft. Auch Rilke kam auf Einladung Vogelers 1898 zum ersten Mal nach Worpswede.

Vogeler ist mit seinem Bild unzufrieden, der Preisverleihung sieht er daher mit gemischten Gefühlen entgegen. Seinem Gönner Roselius, der das Gemälde bereits erworben hat, möchte er es am liebsten wieder abkaufen, um es zu vernichten. Rilke ist auf dem Bild nicht zu sehen, obwohl er eigentlich zum Kreis der Abgebildeten gehören müsste. Es ist, als wäre eine Leerstelle auf dem Bild. Sie ist ein Zeichen für das abgekühlte Verhältnis zwischen den beiden Künstlern.

In Rückblenden erfährt der Leser vom Beginn der Freundschaft Rilkes und Vogelers und von verschiedenen Treffen der beiden. Erstaunlich, dass Rilkes egozentrisches Wesen überhaupt andere Künstler neben sich geduldet hat, aber Vogeler besetzte mit seiner Malerei ein völlig anderes Feld als der Dichter. Rilkes Verhältnis zu den Frauen, deren Herzen ihm nur so zuflogen, ist auch immer wieder Thema. Eine Dreiecksgeschichte entspinnt sich, als Rilke Paula Becker und Carla Westhoff kennenlernt und beiden gleichermaßen zugetan ist.

Klaus Modicks Roman schafft einen erfrischenden Blick auf diese Künstlernaturen um die Jahrhundertwende, die allein für ihre Kunst leben und stets ein wenig der Welt der „normalen Menschen“ entrückt zu sein scheinen. Man bleibt hier unter sich. Sein Stil passt sich dem Sujet dabei an: Die Atmosphäre dieser Zeit fängt er hervorragend ein.

Modick hat sich auf die Werke Rilkes sowie auf die Lebenserinnerungen Vogelers konzentriert, wie er im Nachwort schreibt, „Konzert ohne Dichter“ ist ganz deutlich ein fiktionales Werk. Trotzdem, es könnte so gewesen sein. Und auch, wenn nicht, so ist Modick ein unterhaltsamer, atmosphärischer Ausflug in eine andere Welt und Zeit gelungen.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 9. Februar 2015
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04741-7
  • Gebunden: 240 Seiten
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