Müdes sexistisch-intellektuelles Geplänkel unterm Halbmond

Unterwerfung

Rallus und Thursdaynext  haben zusammen dieses Buch, mit einem brandaktuellen Thema, gelesen und auch zusammen daran gelitten.

Unterwerfung“ vorangestellt ist ein Zitat des Schriftstellers J.-K. Huysmans. Damit charakterisiert Houellebecq seinen Antihelden François bereits eindeutig – durch dessen Dissertationsthema – Werk und Leben J.-K. Huysmans.

„Im Grunde, dachte er, während er sich erhob … ist mein Herz durch das lockere Leben verhärtet und vertrocknet, ich bin zu nichts nutze.“

Der bereits das nahende Alter verspürende Literaturprofessor ist ein bequemes, verwöhntes, oberflächliches, faules, zur Hypochondrie neigendes, sexistisch-chauvinistisches, hobbyloses Arschloch. Ausgestattet mit überlebensnützlichem, pseudointellektuell verbrämtem Opportunismus. Seine akribische, sich über acht Jahre erstreckende Dissertation, hat ihm zur Professur an der Sorbonne verholfen.

„Die Menschheit interessierte mich nicht, sie widerte mich sogar an. Ich betrachtete die Menschen keineswegs als meine Brüder, und ich tat es umso weniger, wenn ich einen kleineren Ausschnitt der Menschheit in Augenschein nahm, so zum Beispiel denjenigen, der aus meinen Landsleuten oder meinen ehemaligen Kollegen bestand. Dennoch musste ich wohl anerkennen, dass diese Menschen mir unangenehm ähnelten, dass sie meinesgleichen waren, auch wenn es gerade diese Ähnlichkeit war, die mich dazu veranlasste, sie zu meiden.“

Das Einzige, was ihm ein wenig Lebensfreude bereitet, ist sein gut funktionierendes primäres Geschlechtsteil:

„Mein Schw… war im Grunde das einzige Organ, das sich mir nie durch Schmerzen bemerkbar gemacht hatte, sondern nur durch rauschhaften Genuss. Bescheiden, aber robust, hatte er mir stets treu gedient – das heißt: vielleicht war es sogar umgekehrt, und ich diente ihm – doch sein Regiment war ein sanftes: nie befahl er mir etwas, gelegentlich ermunterte er mich nur in aller Bescheidenheit ohne Groll und Wut ein geselligeres Leben zu führen.“

Als die Freuden, die er sich damit bereiten kann abnehmen, erlahmt sein Lebenswille. Die Handlung spielt in der nahen Zukunft. Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich stehen bevor. Hinter den Rechten von Marine le Pen liefern sich die Sozialisten und die Bruderschaft der Moslems unter dem populistischen, liberalen Moslem Mohammed Ben Abbes ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Ben Abbes gewinnt knapp das Rennen um den zweiten Platz und verbündet sich mit den Sozialisten, um die zweite Wahl zu gewinnen – was auch gelingt.

Das Land verändert sich, François muss sein bequemes Leben verlassen, da die Universität jetzt von Moslems geleitet wird. Doch seine Entwicklung besteht einzig darin, dass er es ein wenig bedauert, dass appetitlich verpackte Frauenärsche von den Strassen verschwinden, weil sie „resozialisiert“ werden. Sein Weg ins Kloster aufgrund seiner Verzweiflung ob des altersbedingten körperlichen Verfalls seiner Person scheitert daran, dass man im Zimmer nicht rauchen kann, der in der Nähe vorbeidonnernde TGV ruhestörend ist und er die gewohnten Annehmlichkeiten vermisst. Die wirklich interessanten Ansätze streift Houellebecq allzu flüchtig:

„Mir war aber bereits klar geworden, dass der sich seit Jahren verbreiternde, inzwischen bodenlose Graben zwischen dem Volk und jenen, die in seinem Namen sprachen – also Politikern und Journalisten -, notwendigerweise zu etwas Chaotischem, Gewalttätigem und Unvorhersehbaren führen musste.“

Die eklatante, politische und gesellschaftliche Umwälzung, die wirklich interessante Grundidee des Romans, wird nur aus François‘ eingeengter Sicht und daher so sparsam beschrieben, dass sie flach und öde erscheint, obwohl sie den Abbau aller emanzipatorischen Bestrebungen, den Sieg des Patriarchats und der Religion über die Demokratie beinhaltet. Dabei ignoriert Houellebecq , entgegen aller Logik und Wahrscheinlichkeit, sehr unelegant sämtliche Widerstände, die auftreten würden. Sie existieren nicht. Die gesamte Weiblichkeit Frankreichs lässt sich knechten ohne Aufstand und die Welt schaut zu? Never ever! Zumal eine Art der Argumentation im Buch darin besteht, dass das Christentum, ja das ganze Abendland seit 100 Jahren im Niedergang begriffen steht. Zu diesem Thema mag man positiv stehen, nur dass die durch den Humanismus begünstigte Emanzipation ein tragender Punkt im Aufstieg des Abendlandes war, lässt er völlig außen vor.

Sein abgehalfterter, egozentrischer Held findet durchaus eine Lücke, um sein bequemes nutzloses Leben weiterzuführen. Aber seine ‚Entwicklung‘  besteht darin, zu konvertieren, um sich ein noch bequemeres nutzloseres Leben in der Polygamie zu ermöglichen (sein Traum von Partnerschaft: Eine gute versorgende Mutterfigurköchin mit ab und an, wenn ihm genehm, Tendenzen zur Dirne …). Halleluja. Wie intellektuell. Diese geistlose Hirnwichserei setzt sich in Houellebecqs sterilen Sexszenen fort. Die weibliche Sexualität existiert hier nicht. Sie dient allein dem Vergnügen des Mannes. Passend zu den ursprünglich monotheistischen Religionen, die mit Sexualität, speziell weiblicher, ja durchaus auch das eine oder andere Problemchen haben.

Schreiben kann Houellebecq. Poesie, Charme und sprachliche Schönheit wurden nicht erwartet und diese Vermutung hat sich stark bestätigt. Stilistisch empfinden wir ihn als Mittelmaß. Der Plot des Romans allerdings ist dürftig. Begrenzt er sich doch auf die Sicht eines nur an sich selbst interessierten Literaturprofessors, dessen Nabelschau und seine stark eingegrenzte Weltsicht. So kann man nur erahnen, was sich sonst im Lande abspielt. Dadurch gerät die Schilderung der Dystopie in der ein laizistischer, demokratischer Staat den Humanismus über Bord wirft und die Hälfte seiner Bevölkerung unterdrückt – nur ein paar Alphamännchen begünstigt und ein noch deutlicheres Klassensystem schafft – zur reinen Nebenhandlung, die zudem wenig realistisch erscheint.

Schätzenswert an Houellebecq ist allerdings, dass er das kritische Denken geradezu herausfordert. Eben weil er sich, beziehungsweise seinen Protagonisten, als rechtslastigen, antihumanistischen Schwachkopf mit Schwanzfixierung geriert. Es gab tatsächlich Anflüge von Ironie in „Unterwerfung“. Als deutschsprachiger Leser, der wenig mit den „Heroen“ der französischen Literatur zu tun hatte, musste man zum besseren Verständnis aber einiges an Nachforschungsaufwand betreiben. Hier wären Fußnoten / ein Anhang nett gewesen. Uns war es nicht möglich, Autor und Roman zu trennen. Muss man, kann man das?

„Aber allein die Literaten vermitteln uns ein Gefühl der Verbundenheit mit einem anderen menschlichen Geist, mit allem was diesen Geist ausmacht.“

Satire ist durchaus erkennbar. Ist sie aber auch hochkarätig?

„Allein das Wort Humanismus verursachte bei mir ein leichtes Gefühl von Übelkeit,  aber vielleicht waren es auch die warmen Teigtaschen, mit denen ich es übertrieben hatte; ich nahm noch ein Glas Meursault, um das Gefühl zu vertreiben.“

Kann Houellebecq überhaupt Satire? Sind sich François und der Autor nicht doch ein wenig ähnlich? Zumal der Typ Mann sich durchgehend in Houellebecqs Werke schleicht, sind deshalb ALLE Werke Houellebecqs Satire? Die Frage mag jemand anders beantworten. Aber in Houellebecqs Geist zusammen mit seinen Protagonisten herumzustreifen, ist alles andere als erhebend. Es ist deprimierend und widerwärtig.

„Ein Buch das man mag, ist zudem vor allem ein Buch, dessen Autor man gern begegnet, mit dem man gern seine Tage verbringt.“

Diesem Zitat stimmen wir vollauf zu. Dieser Roman Houellebecqs ist infolgedessen strikt zu meiden! Durch das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo und die Freiheit wurde das Interesse an diesem Buch sicherlich noch mehr geschürt. Houellebecq jetzt als Visionär zu bezeichnen, halten wir aus oben genannten Gründen dennoch für verfehlt.

Trotz alledem: Ein Buch, das polarisiert, das Denken und Diskussionen anfacht und das zeichnet – neben Stil, Charme und Poesie – auch gute Literatur aus, egal wie schmierig der Autor empfunden wird.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 16. Januar 2015
  • Verlag : Dumont
  • ISBN: 978-3-8321-9795-7
  • Gebunden: 272 Seiten
 
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9 Gedanken zu “Müdes sexistisch-intellektuelles Geplänkel unterm Halbmond

  1. Ein Verriss, der aus dieser Perspektive sicher berechtigt ist. Ich bin mit Houellebecq nicht so ungnädig gewesen, da ich ihm einst nicht absprechen mag: er hat ein aussergewöhnliches Gespür für Zeitgeist und Haltungen in der Gesellschaft. Ich habe ihn immer in die Ecke der Zyniker gestellt, deren eigene Unlust am Menschen und Leben ihnen zum Programm wurde. Seine Romanfiguren wirken deshalb sehr stereotyp und mich hat es nach zwei Werken nicht mehr gereizt ihn zu lesen. Mit „Unterwerfung“ hab ich mich wieder locken lassen und es nicht bereut. Denn letztlich sind es nicht selten diese unangenehmen Zeitgenossen, die uns gedanklich herausfordern. Und das ist ihm, meines Erachtens, gelungen, verbunden mit dem Glück einen perfekten Zeitpunkt gefunden zu haben. Hier mein Resümee zu Unterwerfung: https://thomasbrasch.wordpress.com/2015/01/24/was-erlauben-bild-houellebecq-wie-flasche-leer-ich-habe-fertig/

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    • Ob es jetzt ein Gespür für den Zeitgeist ist oder einfach eine begnadete Beobachtungsgabe gepaart mit dem Können und Wollen des Nach-Außen-Tragens des Beobachteten … ist letztlich egal. Dennoch werde ich „Unterwerfung“ wohl nicht lesen, einzig und allein aus dem Grund, weil die Realität mir schon manchmal nah genug geht. Zu viele furchtbare Dinge passieren gerade überall auf der Welt – ich brauche gerade Autoren, die mir das Gefühl geben, dass sie zwar wissen, was abgeht, aber dennoch Lösungen suchen, Perspektiven finden wollen … alles andere erscheint mir wenig sinnvoll, so rein persönlich 😉

      Gefällt 2 Personen

      • Ja, Houellebecq ist kein Autor, der uns überraschende Perspektiven verschafft. Er geriert sich als Pathologe einer für ihn schon hirntoten Gesellschaft, er seziert und obduziert, doch das ändert nichts an dem immer schon vorweg bekannten Ergebnis: alle tot, weil sie beschissen gelebt haben.

        Er steht da nicht allein, sondern ist da nur der miesepetrigste unter vielen Autoren. In sofern ist es gar nicht so einfach, Literatur zu finden, die gesellschaftskritisch ist und dennoch Lebenslust verbreitet.

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      • Jasper Fforde, Harald Welzer, Jaron Lanier, Ian Mc EWAN Michael Chabon ….da gibt es etliche spontan habe ich mal diese sehr verschiedenen Autoren und Genres rausgesucht. Douglas Adams ist für mich auch ein immerährender Meister. 😉

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      • Ich antworte mal mit meinem Lieblingsbarden, der schon früh eine schöne Antwort darauf parat hat:
        Es sind nicht immer die Lauten stark,
        nur weil sie lautstark sind.
        Es gibt so viele, denen das Leben
        ganz leise viel echter gelingt.

        Die stehen nicht auf Bühnen, füllen keine Feuilletons.
        die kämpfen auf schwereren Plätzen.
        Die müssen zum Beispiel in Großraumbüros
        sich der Unmenschlichkeit widersetzen.

        Die schützt kein Programm, kein Modedesign.
        Die tragen an sich etwas schwerer.
        Die wollen ganz einfach nur anständig sein
        und brauchen keine Belehrer.

        Die schreiben nie Lieder.
        Die sind Melodie.
        So aufrecht zu gehen,
        lerne ich nie.

        Und das die Welt in vielen Bereichen hirntot ist, weiß ich auch, aber das sezieren und drin rumstochern hat noch niemandem geholfen. Auch ich suche das Licht am Ende des Tunnels.

        Gefällt 3 Personen

      • „Man sollte nur die leisen Rassen
        und nicht die Lauten reisen lassen….“ fiel mir spontan, aber unpassend ein. 😉 Ist es von R. Gernhardt? Oder H. Erhardt ? Wunderschön, dein Lieblingsbarde, einer deiner , welcher ?

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      • Konstantin Wecker heißt mein Lieblingsbarde!! Und er ist ein gutes Beispiel für politisch hochaktiv aber immer positiv in die Zukunft blickend!!

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      • Wie Wecker ? ich kenne Wecker, ich liebe seine Arbeit, wieso hab ich das Zitat nicht erkannt ? *grummelnweckerplattendurchforstenichwerde* 😉 Achtsamkeit *gg*

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    • Ja, das mag sein, dass es schwer ist, gesellschaftskritische und trotzdem menschenfreundliche Autoren zu finden, aber wie Thursdaynext schon schreibt, gibt es schon ein paar, die – sollten sie nicht gerade Lebenslust verbreiten – sich zumindest nicht so geringschätzig den anderen Menschen gegenüber zeigen. Ich finde einfach, es wird eh schon viel zu viel gewertet, da tut es gut, wenn es Bücher gibt, die ohne diese Dinge auskommen … Douglas Adams war ein Meister darin, Gesellschaftskritik zu üben und das ganze abgedeht witzig darzustellen. Manchmal brauche ich diese Distanz, um nicht nicht irre zu werden. Aber klar, als hohe Literatur gilt das nicht. Colum McCann ist zum Beispiel ein Meister darin, die schwierigen Verhältnisse zu beschreiben, ohne misanthropisch zu sein.

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