Eine alte Geschichte ganz neu

GegenspielHartmut und Maria sind seit zwanzig Jahren verheiratet. Sie ist Ende 40 und gebürtige Portugiesin, er zehn Jahre älter. Maria hat lange beruflich zurückgesteckt und sich um die gemeinsame Tochter gekümmert, aber seit zwei Jahren arbeitet sie an einem Theater in Berlin. Die Fernbeziehung funktioniert eher schlecht als recht, Hartmut lässt seine Frau bei jeder Gelegenheit spüren, dass er ihr den Wegzug übel nimmt. Maria fragt sich immer stärker, ob sie dieses neue Leben wirklich glücklich macht. Macht sie sich vielleicht doch etwas vor?

Der Plot mag begeisterten Lesern von Stephan Thome bekannt vorkommen: Sein neuer Roman „Gegenspiel“ erzählt eine Geschichte, die wir schon zu kennen glauben – bis wir feststellen müssen, dass wir sie eigentlich mit jeder gelesenen Seite weniger kennen bzw. weniger durchschauen. Thomes letzter Roman „Fliehkräfte“ erzählte von Hartmuts Leben, von seiner Beziehung zu Maria, die er nur selten sah und die er vermisste, von dem Angebot aus Berlin, dort in einem Verlag zu arbeiten und der schwierigen Entscheidung, den Zweifeln, ob er dafür seinen sicheren Professorenposten wirklich aufgeben wollte.

Wer nun aber glaubt, er bekäme hier nur das Gleiche noch einmal leicht abgewandelt serviert, der irrt. „Gegenspiel“ erzählt die Geschehnisse um Hartmut und Maria noch einmal ganz neu. Ein ums andere Mal wünschte sich die Leserin, den früheren Roman noch präsenter zu haben, um Hartmuts Sicht der Perspektive Marias bis ins Kleinste gegenüberstellen zu können, zumal es Begebenheiten gibt, die im früheren Roman schon detailliert Thema waren und die nun neu erzählt werden. Nötig ist dies aber nicht. Marias Geschichte liest sich genauso packend, wie es schon bei Hartmuts der Fall war.

Thome beschäftigt sich nicht nur mit der Gegenwart. Immer wieder springt er vor und zurück in Marias Leben, so zu ihrer Jugend in Portugal – Maria wollte unbedingt von dort weg – dann kam das Studium in Berlin und ihre Zeit in der Hausbesetzerszene. Hier die Beziehung zu einem Theaterregisseur, der sie schlecht behandelte und nicht an sich heranließ, bevor sie Hartmut kennenlernte, schnell schwanger wurde, heiratete und nach und nach ihre Wünsche an ihr Leben zunächst zurückstellte und dann fast aufgab.

Wie Thome es bewerkstelligt, einzelne Stationen aus Marias Leben nur nach und nach zu beschreiben, bzw. immer auch Neues zu enthüllen, wo man schon nicht mehr damit rechnete; wie er in der Verschachtelung der Zeitebenen in seinem Roman nicht den Überblick verliert, sondern dem Leser alles nur häppchenweise und daher umso fesselnder serviert, das ist meisterhaft gemacht. Man liest und staunt. Noch beeindruckender, wie er die Beziehung Marias und Hartmuts immer wieder neu beleuchtet. Beider Wünsche und Sehnsüchte, der Unterschied zwischen dem, was man sagt und dem, was man nur denkt. Beide sind in der Lage, sich und die Beziehung immer wieder neu zu analysieren, aber dann sind sie wieder verwirrt, gekränkt, können nicht aus ihrer Haut.

„Du wirst es nicht hören wollen, aber in einer Ehe redet man nicht über das Wichtige. Man redet einfach, über alles Mögliche. So überzeugt man sich davon, dass das, worüber nicht geredet wird, auch nicht wichtig sein kann.“ (S. 402)

„Gegenspiel“ zeigt dem Leser all die Facetten Marias, die er in „Fliehkräfte“ nicht gesehen hat. Vor allem die Rückblenden erklären Vieles. Und Thome schafft es, seine weibliche Hauptfigur realistisch darzustellen.

So geht es also um die eigenen Wünsche, die man irgendwann mal an sein Leben hatte und darum, was das Leben dann mit diesen Wünschen und mit einem selbst macht. Es geht um Beziehungen und um Liebe. Übrigens auch um die zwischen Eltern und ihren Kindern.

„Das ist es doch, was Geheimnisse tun, die man voreinander hat: Sie führen dazu, dass der Andere eine Fiktion liebt. Nicht, wer man wirklich ist.“ – „Vorausgesetzt, das gibt es. Wer man wirklich ist.“ (S. 403)

Es fällt nicht schwer, sich in „Gegenspiel“ an der einen oder anderen Stelle wiederzufinden. Und selbst wenn nicht, dann liest man immer noch einen gekonnt komponierten Roman um eine Frau und ihr Leben, um die Frage, wie sie zu dem wurde, was sie ist. Um Wünsche und das, was aus ihnen wird. Darum, diese Wünsche auch immer mal neu zu betrachten und zu schauen, ob sie noch gelten. Noch gelten sollen. Um den Mut, sie in die Tat umzusetzen und zu riskieren, dass man scheitern könnte.

P.S.:

„Ein Kirschbaum im Winter“, sagte Oliver und zeigte auf das Buch in ihrer Hand. „Was verbirgt sich dahinter?“ – „Die deutsche Neigung zur eigenwilligen Übersetzung von Buchtiteln.“ (S. 268)

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 10. Januar 2015
  • Verlag: Suhrkamp
  • ISBN: 978-3-518-42465-0
  • Gebunden: 464 Seiten
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