Nach dem Urteil

KindeswohlUm Urteile fällen zu können, benötigt man vor allem eines: Eine klare, objektive Sicht der Dinge, eine gewisse Distanz. Anwälten und Richtern wird dafür zusätzlich ein ganzes Instrumentarium an Gesetzen, Richtlinien und Präzedenzfällen an die Hand gegeben. Doch kann es das tatsächlich geben, ein objektives Urteil? Spielen nicht immer Kultur, gesellschaftlicher Hintergrund, Weltanschauung oder Religion eine Rolle, soll ein Streitpunkt zwischen unterschiedlichen Parteien geklärt werden? Nicht zu vergessen die aktuellen persönlichen Befindlichkeiten der Person, die die Aufgabe der Klärung übernommen hat.

Geht es um Sachfragen, ist es sicherlich einfacher, objektiv zu bleiben und gerecht zu entscheiden. Geht es aber um Menschen, um einen Eingriff in deren Leben, sei er notwendig, um gerade dieses zu erhalten oder nicht, dann geht es an die Substanz. Erwachsenen kann nicht vorgeschrieben werden, ob sie sich zum gewissen medizinischen Behandlungen unterwerfen möchten. Kinder hingegen können ihren Willen äußern, ob dieser aber auch durchsetzbar ist, das steht auf einem anderen Blatt.

Fiona Maye, Richterin am High Court in London, muss viele solcher Entscheidungen treffen. Das zehrt – sowohl an ihrer eigenen physischen Kraft, als auch an ihrer Ehe. Dass ihre Verschlossenheit über die Anstrengungen des Berufes und das stetige Ringen um das Kindeswohl ihren Mann allerdings dazu verleiten könnten, eine Affäre in Betracht zu ziehen – wohlgemerkt mit dem von ihm gewünschten Einverständnis ihrerseits – erwischt sie eiskalt. Aus der Bahn geworfen erreicht sie der Eilantrag einer Klinik, die einen kurz vor der Volljährigkeit stehenden jungen Mann zusätzlich zu seiner Leukämie – Behandlung mit Bluttransfusionen versorgen möchte. Adam, so heißt der junge Mann, lehnt diese aus religiösen Gründen ab. Seine Eltern und er sind Zeugen Jehovas. Sollten sie die Bluttransfusionen, die ihr Glaube als unrecht erachtet, doch zulassen, droht der Ausschluss aus der Gemeinschaft …

Ian McEwan hat mit Kindeswohl mehrere brisante Themen auf einmal angepackt. Und das trotz oder vielleicht gerade wegen der Kürze des Romans unschlagbar meisterhaft. Fakten sind es, die er in der stark verdichteten Geschichte um Aktion, Reaktion und Konsequenzen so bildhaft aufzeigt, dass die eigene Haltung zu der Frage, was Einmischung nach sich zieht, durchaus ziehen muss, auf den Prüfstand gestellt wird. Kopfschütteln, Unverständnis ob der Blindheit bezüglich der durch das Urteil geweckten Bedürfnisse und der vorher bereits von den Eltern nicht geleisteten Unterstützung lassen bei der Lektüre immer wieder innehalten. Nicht, weil das Voranschreiten der Entwicklung zu langatmig, zu unrealistisch oder nicht glaubhaft wäre, sondern, weil die klare Darstellung der Ereignisse geradezu zum Nachdenken zwingt.

Nachdenken darüber, wie sehr der Alltag, die Verpflichtung des ausgeübten Berufes gegenüber sich in die zwischenmenschlichen Handlungen einmischt.

Was Ian McEwan hier anspricht ist hart, denn es trifft den Kern unseres menschlichen Wesens: Wie weit sind wir bereit, die Konsequenzen für unser Handeln, unsere Entscheidungen zu tragen? Wie weit können wir uns tatsächlich in andere Menschen hineinversetzen? Wieviel Verdrängung lassen wir zu? Dabei schafft er es, dem Leser keine Meinung vorzugeben, nicht den moralischen Finger zu heben, sondern ihn selbst seine Einstellung zu den aufgeworfenen Fragen finden zu lassen.

Sprachlich, stilistisch ist an einem McEwan nie etwas zu bemängeln, auch dieses Mal nicht. Strukturell hat er mich mit seinem letzten Roman Honig, der für mich nur als Spionagegeschichte getarnt eher ein doppelbödiges Spiel mit den Ebenen darstellt, überrascht und für sich eingenommen. Mit Kindeswohl aber hat er mich getroffen und zwar richtig, mitten ins Herz.

Deshalb kann es für dieses Buch nur eine Empfehlung geben: LESEN – und zwar schnell!

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 09. Januar 2015
  • Verlag : Diogenes Verlag
  • ISBN:  978-3-257-06916-7
  • Gebunden: 224 Seiten
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