Verwirrender Dreck

DreckGalen ist 22 und wohnt bei seiner Mutter. Diese verwaltet ein altes Treuhandvermögen, welches ihre Eltern aufgebaut haben. Hektarweise Walnussbäume sieht Galen, wenn er aus dem Fenster schaut. Trotz des Vermögens geht Galen nicht zum College – nächstes Jahr, wenn er durch Europa gereist ist. Doch Galen möchte gar nicht wie andere Menschen sein:

„Ihn interessierte überhaupt nichts, was andere Leute interessierte. Er war nicht hier, um sich an Häuser und Autos und Jobs und Ehe und Kinder und Fernsehen und den ganzen Scheiß zu versklaven.“

Seine Mutter ist die Person, mit der er immer zusammen ist, Freunde hat er keine, er geht nie aus dem Haus. Manchmal fahren sie zu seiner Großmutter, die im Altersheim lebt und an Demenz leidet. Seine Tante ist hinter dem Geld des Treuhandvermögens her, Jennifer, seine Cousine hinter Galen. Eigentlich findet sie den Freak, der sich vor Menschen versteckt, widerlich, aber seinen Schwanz will sie haben und die sexuelle Macht über ihn ausüben. Galen ist auf einem anderen Trip:

„Warum versuchten alle, Lektionen zu lernen? Galen wusste, dass es darum ging, sich am Ende aller Bindungen entledigt zu haben, aber wozu gab es dann überhaupt Bindungen?“

Er will mit der Natur verschmelzen, er isst kaum noch und wenn, bricht er alles aus. Er will vollkommene Transzendenz. Doch von der Wirklichkeit wird er, wie immer, enttäuscht:

„Endlich spürte er es in seinem Haar, auf der Stirn, die Hitze, das Brennen, aber nicht so heiß, wie er es sich vorgestellt hatte. Die Wucht, die er sich vorgestellt hatte, fehlte. Er würde nicht lodern, nur ein wenig aufwärmen, die übliche Enttäuschung. Alle, was er erreichen wollte, entzog sich knapp seinem Zugriff.“

Der fast autistische Galen ist gefangen in seiner kleinen, eingeschlossenen Welt und will dieser auf seine Weise entfliehen. Doch sein Körper und seine Bedürfnisse machen ihm oft einen Strich durch die Rechnung.

Sprachlich interessant geschrieben, schildert David Vann die Konflikte in dem kleinen Kosmos, die Gründe, warum die Familienmitglieder so geworden sind wie sie sind, doch nach einer Eskalation bei einem Familienausflug dreht sich das Buch. Die zweite Hälfte verliert sich Galen in seinen inneren Ausführungen, hüpft wie ein Bessesener nackt in der Sonne herum, versucht zu transzendieren, Sonne und Erde aufzunehmen. Er versucht, tiefer in die Natur einzusinken, aber die Kausalität seiner Handlungen zwingt ihn zu schrecklichen Taten und so scheitert er letztendlich an der Realität.

Bei mir haben sich zwar viele Bilder eingegraben, aber der Hauptcharakter blieb mir trotz der direkten, klaren Sprache, fremd.  So bleibt am Schluss nur ein irritierendes Gefühl zurück, die erste Hälfte dominieren viele schon fast pornographische Szenen, in der zweiten Hälfte verirrt sich Galen in seiner Kopf- und Ratlosigkeit. Durch die Distanz zum Buch hatte ich leider nicht das erhoffte emotionale positive Erlebnis.

 

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 14.07.2014
  • Verlag : Suhrkamp
  • ISBN: 9783518465332
  • Flexibler Einband: 296 Seiten
  • Sprache: Deutsch
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5 Gedanken zu “Verwirrender Dreck

  1. Schon lange habe ich auf irgendeine Art von Rezension zu diesem Buch gewartet, weil es mir vor einiger Zeit durch Zufall über den Weg gelaufen ist und es mein Interesse geweckt hat.
    Schade, dass Erwartung und Ergebnis anscheinend auseinander gehen. Jetzt werde ich mit Vorsicht an dieses Buch gehen.

    Vielen Dank 🙂

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