Problemlösekompetenz und Autismus

RosieDem IT – Berater Graeme Simsion, der mit dem Rosie-Projekt aus dem Stand einen Bestseller geschrieben hat, ist mit dem zweiten Band um seinen Helden Don Tillman wieder ein Pageturner gelungen.

Was ich an Männern besonders schätze, ist unter anderem, dass sie mit Klartext gut zurechtkommen. Unverbrämte, deutliche Ansagen tragen in der Kommunikation zum besseren Verständnis bei. Viele Frauen, mit denen ich in irgendeiner Art soziale Kontakte pflege, sind von klaren Ansagen deutlich weniger beglückt. Besonders, wenn es sich dabei um (konstruktiv zu verstehende) Kritik handelt. Männer mögen es oft direkter.

Daher der Charme, den Autist, Genetiker und Effizienzchamp Don Tillman für mich versprüht. Ist seine eigenwillig andersartige Balz und Frauensuche in Band eins, dem „Rosie Projekt“, doch geglückt und er befindet sich kurz nach der Heirat im Abenteuer Ehe.

Hier erlebt man ihn, stellvertretend für das Gros seiner Geschlechtsgenossen (ein wenig Klischee fordert die Screwballkomödie), als den Archetypus des (nach Ansicht etlicher Frauen) emotional zurückgebliebenen Mannes. Denn: Ist es bereits bei „normalen“ Männern nicht allzuweit her mit der Empathiefähigkeit und der Flexibilität, so ist Don Tillman in dieser Hinsicht besonders benachteiligt.

„ Orangensaft war für freitags nicht vorgesehen. Obwohl Rosie und ich das Standardmahlzeitenmodell aufgegeben hatten, was eine Steigerung der <<spontanität>> auf Kosten von Einkaufszeit, Lagerbestand und Essenresten ergab, hatten wir vereinbart, jede Woche drei alkoholfreie Tage einzulegen.“

Kommunikation, das tragende Element jeder glücklich funktionierenden Beziehung ist definitiv keine seiner Stärken. Nach der Eheschließung und dem Umzug von Australien nach New York ist er gerade dabei, sich neu zu sortieren und Ehefrau Rosie bestmöglich in sein System zu integrieren.

„Die geringere Zimmerzahl, kombiniert mit unserer Eheschließung, bedeutete, dass ich mich dauerhaft in größerer Nähe zu einem anderen menschlichen Wesen befand als je zuvor in meinem Leben. Rosies physische Anwesenheit war ein überaus positives Ergebnis des von mir eingeleiteten Ehefrauenprojekts (siehe: Das Rosie – Projekt), doch auch nach zehn Monaten und zehn Tagen des Ehelebens musste ich mich immer noch daran gewöhnen, Teil eines Paares zu sein. Manchmal verbrachte ich mehr Zeit im Badezimmer als unbedingt nötig gewesen wäre.“

So weit: Revier abstecken, Gewöhnungsphase, Eigenbedarf an Raum Zeit; so gut. Doch dann wird Rosie ungeplant schwanger. Die Schwangerschaftsphase ist eine emotional bedingt harte Zeit für Männer. Selbstzweifel, Angst vor Freiheitsverlust, vor Verantwortung, die Geliebte mutiert zu einem launischen, irrationalen Wesen, die physischen und psychischen Verwandlungen sind beeindruckend bis irritierend. Daran wächst Mann und auch die Beziehung verändert sich oder sie zerbricht. Es ist ein Reifungsprozeß, der ein Höchstmaß an diplomatischem Geschick, selbstloser, unaufdringlicher Fürsorge und der Einsicht, zumindest für eine Weile, deutlich auf den zweiten Platz im Herz der Partnerin verschoben zu werden, fordert.

„Ich bemühte mich, Rosies Aussage („Wir sind schwanger“) zu verarbeiten. Als ich meine Reaktion im Nachhinein noch einmal analysierte, wurde mir klar, dass mein Gehirn mit Informationen gefüttert worden war, die sich in drei Punkten über die Gesetze der Logik hinwegsetzten.“

Während Don damit beschäftigt ist, sich erneut auf den für ihn unerwarteten Zustand einzustellen, ergeben sich weitere  Probleme, bedingt durch seinen Freundeskreis und dessen Männergruppe. Don Tillmans unschätzbar effiziente Problemlösekompetenz ist gefragt …

Der Charme dieser Screwball-Liebeskomödie ergibt sich aus den Faktoren der Unplanbarkeit des Lebens, den skurril sprunghaften Einfällen des Autors und den Beeinträchtigungen, die Autismus für einen Menschen in dessen sozialem Umfeld und den sozialen Interaktionen mit der Lebensumwelt bedeutet. Hinzu kommen noch die diversen Freundschaften Don Tillmans, die beruflichen Anforderungen und die Lebensaufgabe, eine Partnerschaft am Funktionieren zu halten. Liebe allein genügt nicht. Ebenso wichtig ist KOMMUNIKATION. Hier sind auch die vom Autor gekonnt eingesetzten, unausbleiblichen, amüsanten Missverständnisse, die jedem in einer Paarbeziehung Lebenden vertraut sind, herrlich authentisch verwoben und komplikationsstiftend. Leicht aber nicht seicht.

Charmant, rasant, herzergreifend, komisch, erstaunlich tiefgründig auf den zweiten Blick. Intelligente Unterhaltung, nicht nur für Mädels, sondern auch für kitschferne Leser und lebenserfahrenere Männer, die sich teils sicherlich selbst in Grundzügen wiedererkennen werden, geeignet. Ein gute-Laune-erzeugender Roman.

Das Einzige, das mich schmerzt, ist der dusselige Klappentext, der so flach und reißerisch daherkommt, dass man das Buch sofort wieder aus der Hand legen möchte. „Traummann der Herzen“!  Wahrscheinlich erschien den Promotern “ Humorvoller Blick in die Psyche eines Autisten“ nicht bestsellertauglich genug. Aber Klappentexte sind sowieso ein Thema für sich, so wie auch eingedeutschte Titel, die mit dem Originaltitel keinerlei Ähnlichkeit aufweisen.

 

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 30.Oktober 2014
  • Verlag : FISCHER Krüger
  • ISBN: 978-3-8105-2258-0
  • Fester Einband: 448 Seiten
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5 Gedanken zu “Problemlösekompetenz und Autismus

  1. Band 1 hat mich als Hörbuch oft zum Lachen gebracht, so dass ich es mehrmals hören musste. Ich dachte, dass der Nachfolger nicht mithalten kann. Aber das klingt hier ganz anders. Danke für den tollen Tipp. Jetzt werde ich es mir wohl doch besorgen.

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    • Es ist natürlich Geschmackssache. Rosie wird weniger in den Mittelpunkt gestellt, aber ich fand es ebenso witzig wie das Rosie Projekt, obwohl man Don Tillmans Eigenheiten bereits kennt. Skurrile Situationen zuhauf 😉 Habe beide Bücher verschenkt, und leider kein Exemplar mehr daheim, du bringst mich mit dem Hörbuch auf eine gute Idee. Merci 😉

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