Der Mythos der Gegenkultur

KonsumrebellenDie Anhänger der Gegenkultur, wie wir sie kennen, möchten ein neues Leben neben dem System und unserer kaputten kapitalistischen Kultur aufbauen. Doch wie ist unsere ‚Kultur‘ entstanden? Was will die Gegenkultur und wie sind ihre Ziele zu bewerten.

In diesem Buch räumen die beiden Autoren (scheinbar) mit dem großen Mythos der neuen heilen Welt, abseits des bürgerlichen Kapitalismus auf.
Nach ihrem Dafürhalten ist die Gegenkultur elitär, naiv und lähmend – in allen Bereichen – und bleibt letztendlich doch nur Teil des Systems, ja ist eine wichtige Stütze davon. Schon der Trugschluss, ein System zu bekämpfen, führt in die Irre:

„Die Welt, in der wir leben ist viel unspektakulärer. Sie besteht aus Milliarden von Menschen, die jeweils einem mehr oder minder plausiblen Begriff des Guten folgen, die miteinander zu kooperieren versuchen und dies mehr oder weniger erfolgreich tun. Es gibt kein übergreifendes System, das alles integriert. Die Kultur lässt sich nicht unterlaufen, weil es die Kultur oder das System gar nicht gibt. Konformismus avancierte rasch zur neuen Todsünde unserer Gesellschaft.“

Im Falle von Rocksänger Cobain zeigt sich, dass gerade die Band Nirvana, die immer den Kapitalismus bekämpfte, doch am Ende selber zu deren größten Verdienern gehörte.

„Cobain hatte es nie geschafft, seinen Hang zu alternativer Musik mit Nirvanas Popularität zu versöhnen. Sein Selbstmord war der letzte Ausweg. Lieber Schluss machen, bevor der letzte Rest von Integrität verloren geht. Den totalen Verrat vermeiden.“

Doch Nonkonformismus ist stressig: „Wenn jeder zur Gegenkultur gehört, wird die Gegenkultur zur Kultur. Der Rebell muss eine neue Gegenkultur erfinden, um wieder für Unterscheidung zu sorgen.“

Angefangen bei den Hippies der 60er Jahre, die einen Traum von Freiheit und Frieden träumten, aber in ihren Wohngemeinschaften daran scheiterten, wer den Abwasch macht. Heath und Potter erklären das typische Prinzip der Abwärtsspirale. Der Mensch ist von Grund auf faul und denkt nur an sich. In einer Gemeinschaft ohne Regeln lebt er nach seinen persönlichen Interessen. Die Küche einer typischen WG wäre demnach immer dreckiger als der Einzelne es möchte, aber durch die Regellosigkeit entsteht eine Art ‚Warten‘ auf den, der endlich die Spülbürste in die Hand nimmt. Vergleichbar mit dem Gefangenen Dilemma (Gehört zur Spieltheorie. Aufgestellt von Albert William Tucker, wird oft bei soziologischen und ökonomischen Fragestellungen verwendet). Solange nicht jemand nachgibt, entsteht eine Abwärtsspirale, das Geschirr vermodert, bzw. der Rüstungsetat wird erhöht, da man nicht im Nachteil sein will.

Das Buch schlägt einen großen Bogen, historisch und ideengeschichtlich (von Rosseau über Freud, Mailer zu Naomi Klein) zu unserer heutigen Gesellschaft:

„So sind wir zu einer Gesellschaft von Schlappschwänzen und Jammerlappen geworden: weil wir nämlich im Grunde unseres Wesen unglücklich sind. Es ist dabei völlig belanglos, dass sich unsere äußeren Lebensbedingungen unendlich verbessert haben. Es ist ein inneres, kein äußeres Unglück.“

Das zeigt uns auch der Film Fight Club: „Wir sind zu Jägern geboren, und wir leben in einer Einkaufsgesellschaft. Es gibt nichts mehr zu töten, es gibt nichts mehr zu bekämpfen, es gibt nichts mehr zu überwinden, es gibt nichts mehr zu erforschen. Aus dieser sozialen Kastration ging der Normalmensch hervor.“

Auch Heath und Potter waren einmal jung, als Punk haben sie die Gegenkultur am eigenen Leib erfahren, hier lassen sie kein gutes Haar daran. In ihrer Argumentation gehen sie in einigen Beispielen doch um einiges zu weit. Es ist nicht so, dass derjenige, der alternativer Medizin vertraut, Schuld ist am Untergang des gesamten Gesundheitssystems, oder dass man nicht bei McDonalds isst, weil dort die niederen Klassen verkehren.

Will man einen Kampf jeder gegen jeden, einen Rückfall in den Naturzustand, oder soll man doch lieber mehr Regeln aufstellen, weil die Gesellschaft komplizierter wurde und es mehr Menschen gibt.

Dazwischen gibt es schon mehr, ein Diskussion anfachendes Buch ist ihnen aber in der Tat gelungen, trotz allem Schimpf und Schande über die Gegenkultur in Deutschland bei Rogner & Bernhard (dem Verlag für 2001) erschienen.

 

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : August 2005
  • Verlag : Rogner & Bernhard 
  • ISBN: 9783807710082
  • Fester Einband: 432 Seiten
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2 Gedanken zu “Der Mythos der Gegenkultur

  1. Diese Kernerkenntnis ist sicherlich richtig, es hilft nicht bei nicht-Multis zu kaufen, die später vielleicht mal zu Multis werden. Einkommensverzicht ist das Mittel sich aus dieser Spirale herauszuziehen.
    Man muss mit dem Buch nicht unbedingt in allen Fällen einer Meinung sein, auch war Kurt Cobain nicht nur ein Opfer seiner ideologischen Zerrissenheit, aber das Buch bietet gute Ansätze zur Diskussion.

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  2. Das Buch ist leider kaum noch erhältlich. Stolze 18,– Euro müsste man dafür bei amazon berappen. Ich habe es sehr geschätzt und fand vieles sehr erhellend. Es traf sicher auch meinen skeptischen Nerv gegenüber der wachsenden linksbürgerlichen, ideologisch verhärten Gedankenwelt mit ihrem schulmeisterlich propagierten Konsumverzicht.

    Es ist gibt eine Kernerkenntnis, die das Buch liefert, die aber der größte Teil der Gesellschaft ignoriert: Es ist völlig sinnlos seinen Konsum zu reduzieren, wenn man nicht auch sein Einkommen reduziert. Denn Geld, das ich nicht ausgebe, liegt ja nicht unter meiner Matratze, sondern auf der Bank, um den Wirtschaftskreislauf zu heizen. Da unsere Gesellschaft wohl mehrheitlich keine Einkommens- und Lohnsenkung in den kommenden Jahren wünscht, wird es keine Ressourcen schonende oder sonstige Formen einer nachhaltigen Postökonomie geben.

    Wirklich zynisch wird es, wenn man sich bewusst macht, dass die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre mehr positive ökologische Effekte erzielte als 20 Jahre ökologische Appelle in der Vorzeit.

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