Die Vertreibung aus dem Paradies

NeilyoungEs gibt Situationen im Leben, da greift man zu den unkonventionellsten Maßnahmen, die einem einfallen. Nur wer es einmal erlebt hat, kann sich die Hilflosigkeit vorstellen, die Eltern überfällt, wenn Babys die sogenannten 3-Monats-Koliken haben. Da hilft fast gar nichts und Nächte werden mit einem krampfartig schreienden Bündel verbracht, kreative Strategien ausgedacht, um diese Qual zu lindern. Warum nicht zu Neil Youngs erster Soloplatte greifen und „The last Trip to Tulsa“ auflegen? Und siehe da, es funktioniert!

Das, was Navid Kermani passiert ist, brachte ihn dazu, ein kleines Buch zu schreiben, ein Buch das nur 144 Seiten lang ist, uns aber intensiv in die Wunder der Musik von Neil Young führt, dieser rumpelnde Singer-und Songwriter, der wie kein anderer es versteht, Emotionen und Musik zu verbinden – und das auf die einfachste Art und Weise. Im weiteren Leben des kleinen Erdenbürgers wird nach und nach eine Playlist erstellt, zufällig, die Navid Kermani mit interessanten Details aus der Biografie von Neil Young füllt und uns an seinen teils philosophischen Gedanken teilnehmen lässt.

„[Pocahontas]…gerät ihm zur wiederkehrenden Metapher für das zentrale Motiv seiner Kunst: den Verlust des Paradieses.[] …immer sind es ein ernüchterndes, verhängnisvolles Heute und ein unschuldiges, sagenumwobenes Gestern, das er in Umkehrung der Hegelschen Dialektik beschwört.“

Dabei ist gerade dies, der Verlust des Paradieses ein wiederkehrendes Motiv bei Neil Young. Ist Neil Young deswegen ein dauerdepressiver Weltankläger? Nein, nur wenn jemand düster denkt, muss er nicht gleich düster sein.

„Die quälende Anstrengung, sich dem Unheil möglichst nicht zu verschließen, verwässert oder sublimiert sich nach einer Weile zu einer entspannten Schwermut, so ab dem 29. Lebensjahr“

Nur als Fatalist läßt sich jeder Stolperstein im Leben ertragen, da man auf nichts anderes gefasst ist, doch niemand schafft es, diese Düsterkeit so emotional in seine Lieder zu verflechten wie Neil Young. Trotzdem ist auch Neil Young vor dem Kommerz nicht ganz gefeit, wobei Kermani fast schon hellseherische Fähigkeiten besitzt.

„…mit äußerstem Befremden musste ich konstatieren, dass ein Stück daraus, ‚Heart of Gold‘, in den Flugzeugen von Swissair als Hintergrundmusik Fron tat (mögen sie pleite gehen dafür)“

Das kommt davon! Im Laufe des Buches erweitert sich die Playlist und man selber kommt mit guten alten ‚Bekannten‘ in Kontakt. Faszinierend ist die Musik von Neil Young und seiner Hausband Crazy Horse, auch wenn die Musiker minimalistische Fähigkeiten haben, Neil Young selber nicht zu Gitarrengrößen wie Eric Clapton, Jimi Hendrix gehört und mit einer für Rockmusiker sehr hohen Fistelstimme ausgestattet ist, doch: „Ihre Kunst besteht aus der gedankenlosen Konzentration auf ein Motiv.“

Neil Young selber beschrieb die Plattenproduktionen als eine einzige Session, wobei meist die erste Aufnahme genommen wurde, da man diese Perfektion später beim Nachspielen nicht mehr erreichte. So hören sich auch seine Liveplatten an, rumpelnd, scheppernd und laut. Doch gibt es in der Musik Momente die einem den Atem aussetzen lassen, so auch bei Navid Kermani. Und Fans, die so verzückt und vertieft in seine Musik sind, werden von solchen Momenten einfach – getötet. So schließt sich der Kreis zu dem unkonventionellen Buchtitel, angelehnt an: „Das Buch der vom Koran getöteten“

Viel Philosophie, viel Sozialwissenschaft, viel Religion, aber besonders viel Liebe zu Neil Young steckt in diesem kleinen Buch. Neil Young, dessen Musik Navid Kermanis Tochter zum Verstummen und Zuhören brachte. Können 144 Seiten ausreichend sein, um über das Werk von Neil Young zu schreiben? Natürlich nicht! Aber sie vermitteln dem Leser viel Tiefe und manche Neuigkeiten, dem Neil-Young-Neuling auf jeden Fall Lust, reinzuhören.

Hier nun die schon angesprochene Playlist:

The last Trip to Tulsa, Helpless, Prime of Life, Sugar Mountain, My Heart, A Dream that can last, Pocahontas (Live), Human Hughway (Live), Are you ready for the country, Out on the weekend, Cortez the Killer (Live), Down by the River, Cowgirl in the sand, Barstool Blues (Live) Campaigner

Viel Spaß beim (wieder)hören.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 18.8.2013
  • Verlag : Suhrkamp
  • ISBN: 9783518464618
  • Fester Einband: 144 Seiten
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