„… was Sie hier sehen, ist das Verlangen, das immer nur fast erreichbare Glück…“

Kirchhoff_Verlangen und Melancholie (2)Hinrich, ehemaliger Kulturredakteur in seinen 60ern, hat vor neun Jahren seine Frau Irene verloren, die sich durch einen Sprung vom Frankfurter Goetheturm das Leben nahm. Seitdem versucht er, ihren Tod zu begreifen und zu verstehen, was ihm nicht recht gelingen möchte. Hinrichs Tochter Naomi hat längst ihr eigenes Leben, sein Enkel Malte steckt gerade mitten im Abitur, durch das der Großvater ihm hindurch hilft, indem sie Literatur- und Ethikthemen diskutieren. Als Hinrich einen schwarz umrandeten Brief erhält, öffnet er den Brief zunächst nicht. Er ist sicher, dass niemand in seinem engeren Umfeld ist gestorben ist, und so legt er den Brief erst einmal beiseite.

Hinrich befindet sich stets zwischen „Verlangen und Melancholie“, dem so treffenden Titel des neuen Romans von Bodo Kirchhoff. Der Leser ist dabei, wenn Hinrich und Malte in einer nicht ungefährlichen Aktion Schwarzgeld aus der Schweiz nach Deutschland herüberzuschaffen versuchen. Und wenn Hinrich sich – immer auch voller Liebe – ein wenig darüber wundert, mit welcher Selbstverständlichkeit Malte sich in unserer hoch technisierten Welt zurechtfindet, während er aber immer aus seiner Sicht des Älteren beobachtet, wie Malte das Leben sieht. So zum Beispiel:

„Das Erwachsenenleben, es beginnt nicht mit dem Führerschein, dem Studium oder dem ersten Job, es beginnt mit der ersten Stunde, in der man mit sich selbst allein ist und ahnt, dass es so enden wird.“

Das Verhältnis zwischen Enkel und Großvater ist aber nur eines von mehreren, denen sich Kirchoffs Roman widmet. Vor allem Hinrichs Beziehungen zu einigen Frauen, die in seinem Leben eine große Rolle gespielt haben, stehen im Vordergrund. Da ist Marianne, mit der Hinrich noch zu Irenes Lebzeiten eine Affäre hatte, da ist die junge Polin Zusan, die er bereits verwitwet kennenlernte und die ihm in alltäglichen Dingen half. Und seine Jugendliebe Almut, die er nach vielen Jahren noch einmal wieder trifft. Indem er das, was ihn mit diesen Frauen verband, Revue passieren lässt, geht es im Kern aber immer wieder um Irene, seine große Liebe, darum, wie gut man einander kennt, auch nach jahrzehntelanger Ehe, und immer wieder auch um das Alter, das er nun alleine erlebt.

„… woran man hier kaum denken wollte und es doch tut, wenn man allein ist – sich endlos Gedanken machen, die schlimmste Alterskrankheit.“

Hinrich sucht vor allem nach der einen Antwort: Dem Grund für Irenes Selbstmord. Sie ging ohne Abschiedsbrief.

Kirchhoffs Roman zieht in seinen Bann. Obwohl der Leserin die Lebensrealität eines älteren Mannes naturgemäß fremd ist, obwohl nicht alles, was Hinrich denkt und wie er handelt, immer leicht nachvollziehbar ist, so sind diese Einblicke in Hinrichs Leben doch erhellend, sie sind berührend, sie regen zum Nachdenken an – und auch zu Zustimmung und Verständnis. Hinrich begibt sich in „Verlangen und Melancholie“ in die Schweiz, nach Polen, nach Italien, vor allem reist er aber gedanklich.

„Die Liebe in groben Zügen“, Kirchhoffs zuvor erschienener Roman, hier von Ralf Reitze rezensiert, befasst sich mit der Institution Ehe. Er impliziert – so zumindest ist es den Feuilletons zu entnehmen (leider habe ich den Roman noch nicht gelesen) – dass der Seitensprung zur Ehe dazu gehört. Zwar straft auch „Verlangen und Melancholie“ diese Behauptung nicht Lügen, trotzdem steht Protagonist Hinrich der Liebe und Ehe, der Entscheidung für einen einzigen Menschen, positiv gegenüber. Auch wenn dies in der Rückschau geschieht, da die Beziehung unwiederbringlich beendet ist und man über das Vergangene und die Verstorbenen gerne in Verklärung denkt.

Obwohl Kirchhoff im letzten Drittel manchmal ein wenig die Luft ausgeht, der Roman vielleicht noch ein klein wenig gestrafft hätte werden können, war mein zweiter Kirchhoff (nach dem ebenfalls überzeugenden „Infanta“) eine begeisternde Lektüre. Stilistisch elegant, gut lesbar im besten Sinne. Reich-Ranicki sagte einst, in der Literatur interessierten ihn allein die Liebe und der Tod. Wir wissen nicht, ob ihm „Verlangen und Melancholie“ wohl gefallen hätte, aber Kirchhoff wagt sich hier an die großen Themen des Lebens.

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