Humbug wissenschaftlich und philosophisch ethisch betrachtet

BullshitWissenschaftliche Bücher müssen nicht langweilig sein.
Im besten Falle sind sie sowohl unterhaltend als auch erhellend. Auf gut Denglisch (welches die Autoren übrigens für bullshit halten): Infotainment.
Das Autoren Duo Tobias Hürter und Max Rauner illustriert das mit seinem Buch „Schluss mit dem Bullshit- Auf der Suche nach dem verlorenen Verstand“ auf unterhaltsame Art.

Tobias Hürter studierte Mathematik & Philosophie, war Redakteuer beim MIT Technology Review und der ZEIT und ist seit 2013 stellvertretender Chefredakteur des Philosophiemagazins „Hohe Luft“.
Max Rauner studierte Philosophie und Physik, promovierte in Quantenoptik, ist Redakteur bei ZEIT Wissen, schreibt seit etlichen Jahren über Wissenschaftsthemen und wurde mehrfach ausgezeichnet: Aca Tech-Preis, Prix Media der Schweizer Akademie der Naturwissenschaften und dem Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus.

Ein weniger ins Auge fallender Alternativtitel wäre, wohl in Anlehnung an Immanuel Kant,: „Kritik der verzweifelten Vernunft“ gewesen. Mir persönlich gefällt die Klappentextüberschrift am besten: „Gebrauchsanleitung für den gesunden Menschenverstand“.

Das skizziert den Inhalt, der sich vom Vorwort über das Kapitel :“Bullshit für Anfänger“, in welchem der Begriff Bullshit, für Feingeister, die sich am Namen stören alternativ auch als „Humbug“ zu benennen, klarer definiert wird. Mich sprach der Name bei der Buchauswahl an, übersetze ich es mir doch mit Bockmist.

Und davon gibt es heutzutage zuhauf. Wobei informative Abstecher in die Vergangenheit des Bullshit aufzeigen, dass es früher auch nicht besser war als heute. Nur anders. Mist bleibt Mist, interessant ist hier der Ursprung heutigen Bullshits erwähnt. Mesmerismus, Okkultismus und weitere abstruse Ideen und Modeerscheinungen.

So amüsant und spritzig der Einstieg „Bullshit für Anfänger“ ins Buch war, so angenehm überrascht war ich von Niveau und Stil. Locker, gut nachvollziehbar, vertiefend aber sinnig strukturiert und eingegrenzt. Hier täuschte das schrille, Aufmerksamkeit heischende Cover. Mir persönlich hätte etwas mehr Zynismus zwar gut gefallen, der Aufklärung an sich aber womöglich eher geschadet. Die Autoren hielten sich fein zurück, nur gelegentlich schimmerte etwas durch, beispielsweise in den praktischen Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel. So zum Umgang mit Wissenschaftlern : 7. „Beruft sich der Absender auf eine revolutionäre neue Theorie oder Technik, verweisen Sie ihn am besten direkt an das Nobelpreis-Kommitee.“
Diese verschmitzt tolerante Weltsicht ist vergnüglich und macht es auch bei den tiefergehenden Philosophie Exkursen verschiedenster Denker, welche durchaus eigene Hirnarbeit vom Leser fordern, leicht zu lesen.
Rauners und Hürters „Welt des Bullshit“ gliedert sich in den Einstieg über „Beziehungen“ und die „Hölle des Smalltalks“,
zu „Werbung, Esoterik, Psychotherapie, Medizin, Religion, Politik, Medien, Wissenschaft, Wirtschaft“, bis zu „Bullshit für Profis-Strategien in einer Welt des Humbugs“.
Ist es bei Werbung, Medien, Wirtschaft und Esoterik auch deutlich, dass der Bullshit hier uneingeschränkter König ist, so habe ich dennoch etliche neue bedenkenswerte, skurril absurde, bis schockierende Informationen erhalten. Bei der „Religion“ blieben die Autoren vornehm zurückhaltend, tolerant und kurzgefasst. Richard Dawkins ist ihnen zu dogmatisch, Stephen Law, ebenfalls Atheist, aber undogmatisch, ist als gemäßigte Alternative dazu sicherlich ein verfolgenswerter Lesetipp, auf den ich mich freue.
Auf jeden Fall dürfte der unter Punkt 3. der Zusammenfassung erscheinende Satz :
„3. Bewahren sie sich Ihre intellektuelle Demut
Keiner weiß, ob es Gott gibt oder nicht. Jeder kann sich irren.“
zu einer friedlicheren Welt beitragen. Auch die Warnung Wissenschaft als Religionsersatz zu installieren ist bedenkenswert.
Ans Eingemachte könnte es für viele Leser bei den Themen: Medizin, Psychotherapie und Wissenschaft gehen. Dazu gehören auch die fMRT Untersuchungen an einem Lachskadaver im Bereich Neurowissenschaft, der Begriff Protowissenschaft, quasi die „Hüpfburg für Physiker“.
Wer an Kommplementär Medizin/Alternative Heilmethoden glaubt und nicht bereit ist sein Weltbild zu revidieren oder zumindest sich damit auseinanderzusetzen, dass es für etliche Pseudotherapien keinerlei wissenschaftliche Nachweise gibt gelangt hier sehr schnell an seine Grenzen. Überprüfbare, wiederholbare Studien zur Wirksamkeit existieren nicht und auch arrivierte Wissenschaftler sind nicht vor Pfusch gefeit.
Die Frage inwieweit „Wer heilt hat Recht“ geht ist kontrovers, bezüglich Erfolg und Ursache und unter Einbeziehung der vorhandenen wissenschaftlichen Fakten, hochspannend erläutert.

Sehr angetan bin ich von den sehr umfangreichen Buchtipps und Quellenangaben die nicht nur nach einzelnen Kapiteln aufgelistet sind, sondern zusätzlich Bemerkungen wie : „unterhaltsam, verständnisvoll, Kritik und Polemik, auch von Homöopathen empfohlen, nicht von Antroposophen empfohlen, Klassiker der Bullshitliteratur,beißende Analyse der Medien, Metastudie der Universität Oxford zum Placeboeffekt, , für Fortgeschrittene“ enthalten und so eine differenziertere Auswahl ermöglichen.

Auch die Unterscheidung in Pragmatiker, Dogmatiker, Opportunist am Ende des Buches war sowohl amüsant als auch zum Nachdenken anregend bezüglich der eigenen Haltung. Hilfreich, wenn nicht sofort, dann eventuell später sind die teils amüsanten, teils informativen Weblinks.

Fazit

„Schluss mit dem Bullshit- Auf der Suche nach dem Verlorenen Verstand“,

zu lesen hat eine Menge Spaß gemacht und mich Neues gelehrt. Ich werde achtsamer mit bullshit umgehen als zuvor. Außerdem fliegen die restlichen Globuli und die Bücher dazu raus. Also hat es auch eine reinigende und zudem platzsparende Funktion erfüllt.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 06.10.2014
  • Verlag : Piper
  • ISBN: 978-3-492-05626-7
  • Klappenbroschur: 304 Seiten
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4 Gedanken zu “Humbug wissenschaftlich und philosophisch ethisch betrachtet

  1. Was Globuli und sonstiges angeht: Es hilft doch immer nur das, woran man glaubt. Und ich werde meine tatsächlich heilende Sammlung nicht auflösen. Ansonsten: Kritisch das eigene Hirn zu benutzen ist immer eine gute Sache 😉

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