Von der Schwierigkeit, zu vertrauen

BesuchOhne Vertrauen funktioniert keine Beziehung. Wurde es einmal enttäuscht, ist es schwierig, es wieder herzustellen. Was aber, wenn das Misstrauen keinen konkreten Anhaltspunkt hat? Wenn es aus den Gedanken kommt, denn man weiß, dass schlechte Gefühle aus schlechten Gedanken resultieren. Wenn das Misstrauen nur eine Möglichkeit beschreibt? Das Vertrauen zwischen Mann und Frau, in diesem Fall das Vertrauen einer Frau zu ihrem Mann, ist eines der Hauptthemen in Hila Blums großartigem Debütroman „Der Besuch“.

Nili erzählt uns die Geschichte ihrer Ehe mit Nati. Beide haben eine gemeinsame Tochter, Asia, die als kleines Kind einen schlimmen Unfall hatte und fast gestorben wäre. Nili kämpft seitdem mit – unangemessenen? – Ängsten um ihre Tochter und fürchtet stets, dass ihr etwas zustoßen könnte. Nati hat aus seiner ersten Ehe eine weitere Tochter, Dida, die bei Nili und Nati lebt und ihre Mutter nur ab und zu besucht.

Seinen Ausgang nimmt der Roman mit dem Anruf eines Franzosen namens Duclos, den Nili und Nati ganz zu Beginn ihrer Beziehung auf einer Reise nach Paris kennenlernten, und der ihnen aus einer Notlage verhalf. Über eine kurze Unterhaltung während dieser Begegnung mit Duclos hat Nili ihrem Mann nicht alles erzählt, sie lässt sie aber gedanklich nicht los. Nun möchte Duclos sich mit Nili und Nati treffen, als eine seiner Reisen ihn nach Israel führt.

Diese Begegnung, vielmehr die beiden Begegnungen mit dem Franzosen Duclos sind wichtige Schlüsselszenen des Romans, aber auf den vielen, vielen Seiten dazwischen lesen wir über Nilis Leben, darüber, was sie denkt, was sie fühlt. Sie reflektiert über sich und ihre Beziehungen, auch über die zu ihrer Mutter, Schwester, zu ihrer Tochter und Stieftochter. Ja, sie ist unsicher, sich ihrer selbst nicht sicher, sie hat Ängste, ist wohl eher nicht der Typ „starke Frau“. Aber mit dieser Nili hat Hila Blum eine überzeugende Figur geschaffen, in der sich viele – vermutlich weibliche – Leser wieder finden werden. Eine Figur, die zaudert, die bangt, die am Ende vielleicht einfach nur nach Liebe sucht. Und wer tut das nicht, tief drinnen?

Hila Blum schreibt in einer klaren Sprache, sie bringt die kleinen Weisheiten des alltäglichen Lebens auf den Punkt, so dass man beim Lesen ihres Romans ständig mit dem Kopf nicken möchte, weil sie das Leben so genau, so echt abbildet, eben so, wie es ist. Weil sie seine Vielschichtigkeit so gekonnt einfängt und aufzeigt: die Banalitäten genauso wie die großen Momente. Ja, zunächst präsentiert sie uns die Puzzleteile nur sehr zögerlich, springt hin und her, und man muss die Zusammenhänge erst herstellen. Sie erzählt ihre Geschichte nicht linear, aber trotzdem nimmt sie den Leser an die Hand und führt ihn durch Nilis Leben, durch ihre Gefühle und Gedanken, regt zum Nachdenken an. „Der Besuch“ ist ein großer, kluger Roman um eine Frau mit Schwächen. Schwächen, die sie menschlich machen. Ein Lesehighlight. Meine absolute Leseempfehlung für alle, die diese Art des Schreibens mögen und sich auf das innere Erleben dieser Frau einlassen möchten.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 11.08.2014
  • Verlag : Berlin Verlag
  • ISBN: 978-3-8270-1194-7
  • Gebunden: 416 Seiten
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