Ein zweisprachiges Buchgeschenk, beheimatet in verschiedensten Genres

The giftAutor sHanLi, 1981 in Leipzig geboren, trieb es bereits mit 16 Jahren in die Welt.

Nach China. In eine völlig andersartige uralte Kultur.

Ein radikaler Cut und Perspektivwechsel, der für ihn persönlich wohl auch gelungen ist.

14 Jahre verbrachte er im Shaolintempel, studierte Kampfkunst und Zen Buddhismus, erlernte die Sprache, fand Lehrer, liess sich unterweisen. Fasten, früh aufstehen, sich der herrschenden Disziplin unterordnen, trainieren …….

Ein hartes Leben. Sein persönlicher Weg, innere Freiheit zu erlangen und sich spirituell weiterzuentwickeln.

Das legen zumindest die in seinem Buch „The Gift – Das Geschenk“ , am Beginn stehenden Weisheiten nahe, die seine Sicht auf die Dinge buddhistisch inspiriert, in eigenen Worten beschreiben.

„Wenn man nichts hat und nichts braucht, dann ist das ein größerer Reichtum, als viel zu haben und nichts zu brauchen.“

Ein undenkbarer Satz für unsere kapitalistische Konsumgesellschaft, die wir mehr haben als wir brauchen und dennoch nie satt oder zufrieden sind. Dabei haben die Amis das Recht auf Glück, oder die Verfolgung desselben, sogar in ihrer Verfassung (Pursuit of happiness) niedergelegt. Scheussliche Aussichten für das momentan als alleinseligmachende erachtete Wirtschaftswachstum, dem ein Großteil der Staaten verfallen und hörig sind, deren Jagd nach Glück sich in Geldvermehrung bemisst.

Zum Umgang mit Geld findet sich unter „The Herb“ ein Gedicht, von Zhang Shuo (Tang Dynastie), das alles zum Thema beinhaltet.

Stille ist selten geworden, innere Ruhe auch, die Gedanken abschalten und wie der Autor es als Einleitung zur ersten Kurzgeschichte dieses Buches erläutert „den körperlichen und geistigen Reset Knopf drücken“ ist eine Kunst, die wir uns viel zu selten gönnen. Ebenso wie Herr Koepeling dessen Erlebnisse während einer Geschäftsreise in der Geschichte „Der Lokus“ erzählt werden. Ganz in buddhistischer Tradition: zugleich lehrreich und humorvoll, regt The Gift dazu an, den Knopf zu finden und zu benutzen.

sHan Li erzählt trocken, sparsam, mit leisem Schalk, nie wertend, dennoch eindrücklich und teils umwerfend komisch.

Aus einer Alltagssituation heraus entsteht eine irrwitzige Situation mit enormem Leidenspotential für den Protagonisten, der eigentlich nur zügig seinen Geschäften nachkommen möchte und am Ende zu einigen Erkenntnissen gelangt.

Herrlich amüsant mit Tiefgang.

The Gift enthält etliche solcher Geschichten, die einen dazu bringen, sein eigenes Leben genauer zu betrachten. Die zustimmend nicken lassen, treffsicher auf den Punkt kommen.

Ich bin Kurzgeschichten sonst eher abgeneigt. Diese hier ergeben Sinn, regen an, bringen einen zum schmunzeln, grübeln. Bestes Hirnfutter.

Die kurze dystopische Fiktion „The Prohibition“ ist ein großartiges Stück Literatur. Sowohl inhaltlich, bezogen auf unsere Gesellschaft und ihre Sucht nach Sicherheit, Gesundheit und Kontrolle, als auch stilistisch. Der fragmentarische Aufbau mit Zeitsprüngen, welche die chronistische Entwicklung anzeigen, entwickelt eine düstere zukünftige Vergangenheit. Mit humoristischem Einschlag, der gekonnt unaufdringlich eingeflochten ist.

The Gift ist ein Konglomerat aus Lyrik, hochklassiger Kurzprosa (davon gerne mehr!), buddhistischen inspirierten Weisheiten, die dem Zen Buddhismus/Daoismus Laotse zuzuordnen sind und Shan Lis Biographie, die im letzten Abschnitt „From monks and beasts“ Auszüge aus seinen Gedanken und Erfahrungen bei einem Einsiedler in den Zhongnan Moutains wiedergeben und für mich auch die Frage nach dem – Warum tut sich das jemand an? – beantwortet haben. Es ist ein Geschenk für uns im Westen, die wir so gut wir es können den Tod, speziell die eigene Sterblichkeit ausklammern und die Augen vor diesem unausweichlichen Ende verschliessen und unser Leben oft nicht genügend auskosten, sondern an Nichtigkeiten verschwenden, ohne uns die Zeit zu gestatten, die für uns wichtigen Prioritäten gefunden und gelebt zu haben.

Ich glaube nicht an Wiedergeburt. Nicht weil es mir nicht erstrebenswert erschiene, das täte es, frei nach dem Motto: „Born stupid? – Try again.“ sondern weil ich es für sehr unwahrscheinlich halte. Ich glaube an lebenslanges Lernen, persönliche Weiterentwicklung. Der Weg ist das Ziel und dies ist die anfeuernde Lektüre dazu.

Fazit:

Die gelungene Vermengung verschiedenster Literatur, die erste Buchhälfte in Deutsch, die zweite in Englisch ist ein Glücksgriff. Ich war gezwungen in einer anderen Sprache zu denken, etliche Wörter nachzuschlagen, kein Lese – Business as usual – sondern tiefergehende Beschäftigung mit den Worten, Geschichten und Aussagen. Auf Englisch wirkten auch die an den Anfang gestellten Weisheiten weniger beliebig. Die rein philosophischen Betrachtungen , wie bei „The Research“ erforderten etwas Mühe, da mir etliche  Begriffe auf Englisch nicht geläufig waren. Doch es lohnt sich.

Stilistisch erinnert die Art zu schreiben ein wenig an Brecht. Präzise, knapp, aussagestark.

An Experience.

Thanks a lot.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 31.07.2013
  • Verlag : fhl Verlag Leipzig
  • ISBN: 9783942829441
  • Flexibler Einband: 200 Seiten
  • Sprache: Deutsch/Englisch
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