Thor Kunkel – Subs – Voll auf die Fresse –

subsEine Gemeinschaftsrezi aus dem Hause Rallus/Thursdaynext

„Was ist die globale Marktwirtschaft anderes als der brutalste und elendste Sklavenmarkt, den es gibt“
Und nochmal nachgetreten hat der Autor Thor Kunkel mit seinem Roman Subs.

An diesem Buch haben wir gelitten. Einzig die Sprache darin erfreute das Herz. Kurz … bis ein stilles Grauen auch den gelungenen allegorisch, kraftvollen Stil negierte.

„Der neue Imperativ unserer Zeit bleibt der heimliche Abkehr vom Gleichheitsgedanken…“ F***, was für ein realistisches Drecksbuch!

Was ist besser als Moral?
Manch einer wendet sich müde von diesem bekannten Witz ab, Kunkel denkt konsequent infam weiter und persifliert unsere Doppelmoral Gesellschaft. Nicht subtil oder hintergründig. Nein, uns wird unsere doppelbödige, unmenschliche, kapitalistische und egoistische Art zu leben in den Mund gestopft und wir müssen immer mehr schlucken, weiterlesen bis es schmerzt.
Realsatire in ihrer zynischsten Form!

„Das Stimmvieh weiß inzwischen Bescheid, die Verdrießlichkeit darüber ist groß. Es wurde in den letzten Jahren einfach zu viel gelogen, die mediale Tarnkappe der Strippenzieher ist löchrig geworden. Ich glaube, dass die breite Masse nicht mehr lange stillhalten wird.“

Alles ist enthalten – der Geldwahnsinn, das auf Pump leben, die abgedrehten kapitalistischen von Langeweile geplagten Sexspielchen, der menschenunwürdigen Menschenhandel, die bekloppten Medien. Da erscheint uns Sklavenhaltung plötzlich als menschenfreundlich, wenn man den entwurzelten und ausgespuckten der Gesellschaft einen Ort zum hausen im Tausch gegen ihre Arbeitskraft und völlige Unterordnung gibt.
Genau dies praktizieren Claus, Schöheitschirurg mit Spezialgebiet Fettabsaugung und Evelyn, Juristin in ihrer großzügigen Villa in Grunewald. Nutzlose Hedonisten, Dinks, nicht gewohnt, nicht sofort alles zu bekommen was sie sich wünschen. Doch auf ihre „kreative“ Chiffreanzeige nach einer Haushälterin meldet sich Bartos und dieser sprengt ihre kühnsten Erwartungen …

Was als zynischer Scherz begann, wird zu bitterem Ernst. Nach und nach ziehen immer mehr Sklaven (Subs genannt) in ihre hektargroße Wohlfühlvilla und Claus und Evelyn werfen ihre ohnehin rudimentären, Moralvorstellungen völlig ab. Denn diese Menschen sind und fühlen sich als ihre Sklaven. Claus genießt, Evelyn moralisiert, halbherzig. So ganz kann sie sich nicht entziehen.

Die kapitalistische Demokratie, dieses plumpeste aller politischen Täuschungsmanöver, ist im Windkanal des 21.Jahrhunderts gescheitert. Wir sind in einer Kultur eingeschlafen und auf einem Marktplatz erwacht. Ein großes Kaufhaus ist vieles, aber eben keine Gesellschaft mit ethisch-sittlichen Normen. Wer zahlt, bestimmt“!

Wir haben doch die Freiheit, mag so mancher Verfechter der Demokratie einwerfen. Doch wie haben wir diese pervertiert.
Schon Bernard Shaw schrieb: „Ich bin bekannt für meine Ironie. Aber auf den Gedanken, im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten wäre selbst ich nicht gekommen“

und Ernst Jünger: „Die Sklaverei läßt sich bedeutend steigern, indem man ihr den Anschein von Freiheit gewährt“

Sind Claus und Evelyn frei? Oder ist dies nur die scheinbare Freiheit, die uns unsere Gesellschaft vorgaukelt.
Sind dann nicht die Sklaven die eigentlich Freien?!
Und ist dies nicht nur ein Spiel, wie auch in Rom am 17. Dezember das Fest der Saturnalien gefeiert wurde?

Wichtigster Aspekt der Saturnalien war die Aufhebung der Standesunterschiede, auch Sklaven wurden an diesem Tag von ihren Herren wie Gleichgestellte behandelt, teilweise wurden die Rollen sogar (scherzhaft) umgekehrt, so dass die Herren ihre Sklaven bedienten.
So wurden schon in der Antike die Begriffe Freiheit und Sklaverei als scheinbar nicht völlig festzulegen empfunden.

Und so lasen wir mit Abscheu und widerwilligem Chapeau diese schonungslose Offenlegung der derzeitigen gesellschaftlichen Mechanismen. Die Schmerzgrenze war schnell erreicht, noch schneller überschritten.
Das Prinzip Hoffnung zerpflückte Kunkel sofort. Die mediale Spaß – und Konsumgesellschaft ist so eingelullt, dass mit Gegenmaßnahmen nicht zu rechnen ist, wie er schlüssig belegt.

Bis zum Schluss dreht Kunkel diese Schmerzschraube.
„Ich fürchte uns fehlt der Abgrund, in den wir uns stürzen können. Wir liegen ja längst zerschmettert am Boden“

Die (rein psychische) zynische Brutalität dieses Romans wird nur noch von seiner Ehrlichkeit übertroffen.
Wahrheit schmerzt.
Lesen sollte man ihn dennoch oder besser genau deswegen!
Desillusionierte 5 Sterne mit beiden Händen zu Fäusten geballt.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 11. Februar 2013
  • Verlag : Heyne Verlag
  • ISBN: 978-3-453-67634-3
  • Broschur: 464 Seiten
Advertisements

Ein Gedanke zu “Thor Kunkel – Subs – Voll auf die Fresse –

  1. Pingback: Kategorie: Pageturner die vom Feuilleton in Grund und Boden verdammt wurden… | Feiner reiner Buchstoff

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s