Ein gutes Leben ist die beste Antwort

Ein gutes Leben“ .. ich habs überlebt …das ist Jerry (Gerald) Rosensteins Standardantwort, wenn seine Vergangenheit zur Sprache kommt. Und überlebt, das hat er im wahrsten Sinn des Wortes.

1927 im hessischen Bensheim als Gerald Rosenstein geboren, wächst er zunächst wohl behütet und ohne Sorgen auf. Sein Vater hat ein eigenes gut gehendes Geschäft, doch damit ist durch die Machtergreifung der Nazis bald Schluss. Denn die Rosensteins sind Juden.

Wie viele deutsche Juden glauben sie nicht daran, dass die Naziherrschaft Ihnen tatsächlich gefährlich werden könnte, denn sie sind Deutsche und Deutschland ist ihre Heimat, die sie nicht verlassen wollen – eindrucksvoll schildert Friedrich Dönhoff Jerrys Geschichte in den der Vergangenheit gewidmeten Kapiteln. Der Ton, den er dabei trifft, ist der eines jungen Mannes, der mit der Zeit gezwungen wird, eines zu lernen: nicht aufzufallen und dadurch zu überleben.

Friedrich Dönhoff hat sich zusammen mit Jerry Rosenstein aufgemacht, um das, was nicht vergessen werden darf und trotzdem von den Opfern, um ihr Überleben überhaupt möglich zu machen, verdrängt werden musste, gegen das Vergessen zu notieren. Gemeinsam besuchten sie 2013 Orte in Amsterdam und Deutschland und auch diese Reise in die Vergangenheit hat Dönhoff festgehalten. Mit Worten und Bildern.

Amsterdam war für die Familie Rosenstein die erste Station einer später langen,  erzwungenen und traumatischen Reise. Obwohl ein Bruder Jerrys nach Palästina auswanderte und der zweite „abgeholt“ wurde, fühlte sich Jerrys Vater sicher: die Niederländer waren schon im ersten Weltkrieg neutral und würden es, sollte es zu einem weiteren Krieg kommen, auch bleiben. Und so genügte es den Rosensteins, nach Amsterdam auszuwandern. Amerika wäre noch möglich gewesen …

Mit nüchternen, fast unemotionalen Worten erzählt Jerry Rosenstein von den Jahren in den Lagern. Von der Trennung der Familie, der Ungewissheit über Leben oder Tod, dem Glauben daran, dass die anderen überlebt haben, der Befreiung und schließlich der Gewissheit über den Verbleib der anderen Familienmitglieder. Schnörkellos, direkt.

Friedrich Dönhoff bringt das, was war und das, was ist in sich abwechselnden Kapiteln behutsam zusammen und schafft so ein Bild von einem jungen Mann, der „es überlebt hat“ und sich dann aller gesellschaftlicher Zwänge entledigt. Einem Mann, der trotz aller Abgeklärtheitt nicht mehr ohne Anschluss nach draußen und in einer festen Beziehung leben kann. Verlassen will er sich auf nichts als sich selbst.

Unfassbar, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die nicht an die Existenz von Auschwitz glauben – deshalb und weil ein gutes Leben tatsächlich die einzige Antwort auf die traumatischen Erlebnisse ist, hat Jerry Rosenstein gut daran getan, davon zu erzählen. Erstaunlich, wie wenig Verbitterung und Hass er entwickelt hat, obwohl er noch heute mit den Auswirkungen der Ereignisse in den Lagern zu kämpfen hat.

Buchdetails

  •  Aktuelle Ausgabe: September 2014
  • Verlag: Diogenes Verlag
  • ISBN: 978-3-257-06902-0
  • Leinen, gebunden: 192 Seiten
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