Die eine Dimension

Frau des GouverneursNun, es gab Anzeichen. Man hätte es wissen, zumindest erahnen können: Da ist ein noch recht junger deutscher Mann im Jahr 1928, mit dem sehr deutschen Namen Christian, der seine Verlobte, die selbstbewusste Carlotta aus gutem Hause nach Kuba begleitet, da sie dort Geschäfte machen muss. Dort trifft er auf eine junge, schöne Frau, sie ist Kubanerin ergo exotisch, sie ist – natürlich – rebellisch und kümmert sich nicht um Konventionen, außerdem ist es auf Kuba so heiß, dass man vor lauter Hitze nicht richtig denken kann, also verliebt sich unser Protagonist unsterblich in die junge Schöne. Blöd nur, dass sie „Die Frau des Gouverneurs“ ist, außerdem einen kleinen Sohn hat, verbotener könnte diese Liebe also nicht sein. Praktisch hingegen, vor allem in moralischer Hinsicht, dass diese Ehe schon längst nicht mehr funktioniert, dass der Gouverneur seine Frau nicht gerade gut behandelt und dass Christian eben nur verlobt und noch nicht verheiratet ist. So sind die Hindernisse zwar selbstverständlich immer noch unüberwindbar, aber wir ahnen bereits, dass sie für Christian keine wirklichen Hindernisse darstellen.

„Die Frau des Gouverneurs“ von Michael Wallner birgt Kitschpotential, das dürfte klar sein. Der Klappentext des Romans versprach dennoch, dass Wallner dieser Gefahr nicht erliegen würde. Ein Roman, der die Zeit der „Goldenen Zwanziger“ heraufbeschwört, am Vorabend der Weltwirtschaftskrise; man durfte einen Gesellschaftsroman erwarten, der auch eine Liebesgeschichte erzählt, aber eben in die Tiefe geht. Dessen Thema zwar die Liebe ist, natürlich, der aber das Flair Deutschlands und Kubas um diese Zeit vermittelt, eine Epoche zum Leben erweckt. Und die 20er Jahre sind ein interessantes Jahrzehnt mit Potential. Leider tappt Wallner aber doch in die Kitschfalle.

Wie der Roman ausgeht, das ahnt, nein, das weiß der Leser schon nach wenigen Seiten. Die Frage allein ist, wie wir dort hinkommen. Ja, es gibt einige Klippen zu umschiffen und eine politische Intrige zu überstehen, in die der liebeskranke Christian mitten hinein gerät. Gefährlich wird es für ihn. Es ist auch nicht so, dass die Politik und die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Kuba, Deutschland und den USA völlig außen vor blieben. Aber sie bilden nur einen bloßen Hintergrund. Im Grunde geht es um Christian und Yamilé, die Frau des Gouverneurs. Was aber finden die beiden aneinander? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es dem Verliebten um nicht mehr als das gute Aussehen seiner Angebeteten geht, es sind ihre körperlichen Reize, die ihn ansprechen, die ihm quasi den männlichen Verstand vernebeln, auch wenn er sich einredet, dass mehr dahinter steckt. Und was findet sie an ihm? Dieser Christian bleibt doch ein wenig farblos, will rebellischer sein, als er ist. Ist es die Sicherheit, die sie sich von ihm verspricht? Der Leser rätselt. Und bekommt Liebesszenen zu lesen. Oft nah an der Grenze zum Kitsch, manchmal auch diese deutlich überschreitend.

Nebenbei erfahren wir auf gut 300 Seiten schon auch von Politik und besagter Intrige, vom Kampf um ein Kind, das seine Eltern beide nicht aufgeben wollen und das zwischen die Fronten gerät. Ein bisschen deutsche Familiengeschichte kommt hinzu. Dazu eine zwar recht leidenschaftslose Verlobte, die aber immerhin weiß, was sie will und klare Ansagen macht, wodurch sie dann doch im Gedächtnis bleibt und die eine Figur ist, der man – ein wenig unerwartet – Respekt zollen kann. Das ist Unterhaltung. Unterhaltung ist nichts Schlimmes. Und es liest sich schnell, wie nebenbei, zuweilen durchaus spannend, auch wenn wir uns um das Schicksal Christians keine Sorgen machen müssen. Es ist nicht alles schlecht. Aber es steckt eben auch nicht mehr dahinter, „Die Frau des Gouverneurs“ bleibt eindimensional. Wirklich berühren, zum Nachdenken anregen, etwas lehren, nein, das schafft der Roman leider nicht.

Buchdetails

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