Von Reichtum, Rassismus und einer ersten Liebe

NadlerHilly Wise, eigentlich Hilton, aber niemand nennt ihn so, erzählt als inzwischen alter Mann seine Lebensgeschichte: Sein Vater war Anwalt und kam durch einen großen spektakulären Prozess, in dem er eine Sammelklage gegen ein Flugzeugunternehmen anstrengte, sehr schnell zu großem Reichtum. Er spezialisierte sich daraufhin auf ähnliche Fälle wie diesen: Wann immer ein Flugzeug in seinem Umfeld abstürzte, klagte er im Namen der Hinterbliebenen auf Schadensersatz.

Der junge Hilly versucht schon früh, sich von seinem Vater zu distanzieren, zumindest, was dessen Umgang mit Geld angeht. Er hat seine ersten, seine vielleicht am meisten prägenden Jahre in einem Elternhaus ohne Reichtum verbracht. Er ist sich bewusst, dass der plötzliche Geldsegen keine Selbstverständlichkeit ist. Zeitlebens wird Hilly seinen Reichtum als belastend empfinden.

Auch dem schwarzen Hausdiener Lem Dawson gegenüber versucht Hilly, sich korrekt zu verhalten, dem kaum verhohlenen Rassismus des Vaters Paroli zu bieten – und er mag Lem und freundet sich mit ihm an. Und schließlich trifft er auf Lems Nichte Savannah, in die er sich verliebt. Dann passiert etwas, das für sein gesamtes weiteres Leben Bedeutung haben wird.

Stuart Nadlers Debütroman „Ein verhängnisvoller Sommer“ ist die Geschichte dieses Mannes Hilly Wise, der dem Leser die wichtigsten Stationen seines Lebens selbst erzählt. Insgesamt umspannt der Roman denn auch an die 60 Jahre, konzentriert sich aber nur auf einzelne Abschnitte, die für die Geschichte wichtig sind. Hilly selbst ist es, der dem Leser begründet, wieso einzelne, wichtige Personen aus seinem Leben in seiner Erzählung eher wie Randfiguren wirken, was sie aber keineswegs gewesen seien, sie seien nur für seine Geschichte nicht wichtig.

Sollte man Hilly nicht mögen, hätte man es wohl schwer mit Nadlers Roman. Aber es fällt leicht, ihn sympathisch zu finden, da er ein liebenswerter Charakter ist, einer, der immer alles richtig machen will, der „gut“ sein möchte. Einer, der außerdem mit Scharfsinn über all das berichtet, was ihm widerfährt, der Fehler zugibt, der genau beobachtet, was um ihn herum geschieht und der es versteht, seine Geschichte zu erzählen, Sympathien zu wecken, die Spannung aufrecht zu erhalten. Der Gefühle zulässt und zu ihnen steht.

„Meine Töchter gehören einer Generation an, die glaubt, Empfindsamkeit sei eine Schwäche, dass ein schlichter Ausdruck von Liebe ohne eine Prise Ironie kitschig sei. Wie sehr sie doch irren! Sie verwechseln das Wort Empfindung mit dem künstlichen Gefühl, das das Fernsehen und das Kino in ihnen erzeugen, so dass sie sich nun traurigerweise weigern, in der Öffentlichkeit und sogar im Privatleben eine Gefühlsregung zu zeigen, aus Angst, dass sie nicht echt sei, aus Angst, dass jedes offengelegte Gefühl von vornherein ein künstlicher Zustand sei.“

„Ein verhängnisvoller Sommer“ erzählt mehrere Geschichten: Es erzählt die Geschichte einer ersten Liebe, die ein Leben lang prägt. Es erzählt die Geschichte einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung, zweier starker, sehr unterschiedlicher Männer, die aber stark miteinander verbunden sind. Es erzählt immer auch die Geschichte des Rassismus in den USA im 20. Jahrhundert. Es erzählt von verpassten Chancen und von schwierigen Entscheidungen und stellt die Frage, ob es immer nur den einen vorgezeichneten Weg gibt. Es zeigt, dass wir nicht wissen, wohin dieser Weg uns führen mag und kann. Dass man oft nicht weiß, was im anderen wirklich vorgeht. Ein starker Debütroman eines talentierten Autors mit einem überzeugenden Protagonisten.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 14.08.2014
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04672-4
  • Leinen gebunden: 448 Seiten

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