Der Yeti kriegt ein Kind

yetiYessica Yeti, was für eine verkorkste, verkürzte Alliteration. Da fehlt noch ein Yak, ein Yippieh oder ein Yeah, dachte ich mir beim Blick auf´s Cover. Erinnert der Nachname doch an Reinhold Messner, dämliche Filme und extrem große Füße. Doch nichts von alldem findet Eingang in dieses ernsthafte und doch Lachanfälle auslösende Taschenbuch. Abgesehen von ein paar wirklich noch viel blöderen Namen, wobei das wie immer dem persönlichen Geschmack des Einzelnen überlassen bleibt.

Besagter Yessica, Musikwerktätiger in jedem Sinne, leicht über 40, bisher kinderlos glücklich, wird Papa und hat ein Buch darüber geschrieben. Wie es sich anfühlt, Vater zu werden. Also das Abenteuerbuch eines spätgebärenden Altpunks.

Merkt hier jemand auf? Eine Yessica wird Vater? Exakt. Denn Yessica ist Christian. Zumindest bei der grillgeilen und ihn liebevoll mästenden Verwandtschaft seiner Holden. Also derjenigen mit was im Bauch drinnen.

„Wir finden uns dufte und machen jetzt mehr von uns. Das hat die doofe Welt zwar nicht verdient, aber wir sind gute Menschen und drücken da mal ein Auge zu.“

Der Frau, die sein Leben ab jetzt völlig auf den Kopf stellen wird. Womöglich. Denn Yessica ist –  relaxt wäre minder zutreffend – tiefenentspannt. Lili, die Kindsmutter, mit der sein Leben nochmal von vorne anfing, aber ebenfalls.

Meine Schwangerschaft ist schon ein paar Jährchen her, aber ein paar Gemeinsamkeiten gibt es, wohl die Schwangerschaftsallgemeinheiten. Sie sind auch in dieser Auto – BABY – graphie aus der werdenden-Vater-Perspektive zu finden. Logisch. Eben diese Perspektive macht das Buch, von dem Fanta 4 – Smudo so schön im Klappentext schreibt:

Yessica! Dein erstes Buch und gleich dein bestes!

zu einer Besonderheit im großen Reigen der Lektüre über und um Schwangerschaft und Geburt. Dies und der unkonventionelle, konsumresistente, humorige Erzähler. Was verursacht dieses sich entwickelnde, noch nicht sichtbare, und abgesehen von der Mutter leicht zufriedenzustellende Kind eigentlich mit seinem Vater und dessen Leben?Welche Fragen wirft es auf, wenn man sich darauf einlässt, einen neuen Menschen eigenhändig großzuziehen? Und welche Auswirkungen haben Schwangere auf ihre nächste Umgebung?

Hier ist der nonchalante Altpunk Yessica ein wahrer Weiser:

„Lili ist ab jetzt immer ein bissschen mehr für die schlechte Laune zuständig und ich für die gute. Das meint sie nicht böse. Und es macht mich nicht zu einem Helden. Es ist einfach so. Und wer das nicht will, der lässt es einfach mit dem Kinderkriegen.“

Dabei hatte ich anfangs des Buches durchaus berechtigte Zweifel an seiner Tauglichkeit als Wohngenosse und dauerhaftem Vater.

„Der Schöpfer hat mir eine sehr verwarzte Form von Sortierbetrieb in meinen Genpol gelegt. Obwohl ich nicht gerne putze, halte ich eine sehr eigene Form von Ordnung…..“

Mehr darf hier nicht zitiert werden. Das ist zu schön, man muss es sich genüsslich vor den Augen zergehen lassen…..

„Aus dem Bauch heraus“ ist ein außergewöhnliches Buch. Es ist die Autobiographie eines erfrischend unalltäglichen Typen, der es versteht, so locker und saftig zu schreiben, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte. Zugleich ist es eine Liebeserklärung, eine Erzählung über die Veränderungen, die das Elternwerden mit sich bringt für sich allein oder in Bezug auf die Paarbeziehung.

Was es für mich so außergewöhnlich macht: Es ist echt. Liebevoller Humor und positive, sonnige Weltsicht rühren die Leseremotionen kräftig an. Bei diesen Leuten kann sich ein Baby ja nur wohlfühlen, wenn ihm die väterliche Sonne schon vorgeburtlich so zärtlich auf den Bauch scheint. Ein wenig Schlamperei und Sortierfimmel stören da nicht und irgendwelche Macken haben wir sowieso alle. Yessicas sind nur ein wenig witziger als die anderen. Noch dazu versteht es Herr Yeti, sehr unterhaltsam zu schreiben. Offensichtlich macht er dies gegen Geld und gerne. Über eine Fortsetzung würde ich mich freuen.

Wer also seine Erinnerungen an diese spannende Zeit des Kinderkriegens nochmal auffrischen möchte, sich überlegt, jetzt damit loszulegen, schon mittendrin ist, oder es nie tun möchte, aber gerne lacht, oder neugierig ist wie Yessica und Reizwäsche zueinander stehen, wie es ist, in Fänge der Schwangerenvorsorge zu fallen und bei welcher Musikzeitung Yetis Kolumne erscheint, sollte zur „Autobabygraphie“ greifen.

BuchDetails

  •  Aktuelle Ausgabe: 16.07.2014
  • Verlag: Dumont Buchverlag
  • ISBN: 978-3-8321-6264-1
  • Taschenbuch: 254 Seiten

 

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