Der Rebellion kommt immer eins dazwischen: das Leben

“ Erinnerung ist ein anderes Kaliber als Gedächtnis. Erinnerung wählt aus. Erinnerung bewahrt Dinge auf, die ein unkontrollierbares Unterbewußtsein für wert hält, dass sie aufbewahrt werden, oder die so schrecklich sind, dass sie unvergesslich bleiben. Sie hält sie frisch wie am ersten Tag.“

Die 60er und 70er Jahre im heute vor allem im Osten noch Westen genannten Teil der BRD waren für mich immer eine Zeit des Aufbruchs, des Umbruchs, der Revolte und der Erneuerung. Wild, ungezähmt, manchmal aggressiv aber vor allem durch die Jugend geprägt. Selbst im schicksalsträchtigen Jahr 1968 geboren, war ich genau auf dieses Geburtsjahr immer etwas stolz, weil es eine Wende bedeutete in einem Land, das nach einem furchtbaren Krieg zunächst wieder aufgebaut werden und sich selbst finden musste. Mit der Selbstfindung taten aber vor allem die sich schwer, die den Krieg unterstützt oder gezwungenermaßen erlebt hatten. Also die ältere Generation. Normalität sollte einkehren, Alltag, der Sicherheit verhieß, nichts Unvorhersehbares oder Ungezähmtes. Aus nachvollziehbaren Gründen wollte man nicht an die Erinnerungen rühren, sie verdrängen. Doch Verdrängung ist nicht der richtige Weg, um etwas Neues auf eine solide Basis zu stellen.

Anfang der 1960er Jahre wird Paul von seiner Mutter, die sich nach dem Tod des geliebten Mannes nicht mehr recht zu helfen weiß ob der immer häufigeren Verhaltensauffälligkeiten ihres Sohnes, in ein Heim gegeben. Dort muss er sich nicht nur eingewöhnen, sondern auch noch zeigen, dass er kämpfen und sich wehren kann. Wer im Heim lebt, wird von den anderen draußen nicht wahrgenommen, eher als minderwertig abgestempelt. Drinnen und draußen ist Paul alleine.

Alexander geht es ähnlich. Obwohl er als Fabrikantensohn, Einserschüler und von seinem Bruder Maximilian eifersüchtig als der Eltern Liebling beäugt, zumindest von außen betrachtet, die besseren Chancen auf Gemeinschaft hat, ist auch er drinnen wie draußen alleine.

Zwei Außenseiter, die einen Bund eingehen, jeder für sich zunächst mit eigenen Hintergedanken. Dieser Bund wird zu einer tiefen Freundschaft, die über die Jahre hinweg bestehen bleibt, obwohl sich die revolutionären Wege trennen.

Toni wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, denen sie aufgrund ihrer Erziehung und ihrer wahren Liebe zu Gott wegen, in ein Kloster entfliehen möchte. Doch das klappt nicht wie gewünscht und sie schafft es erst später, eine andere Welt kennenzulernen, in der sie auf Paul und Alexander trifft. Jeder von beiden hat Seiten, die sie liebt und beide zusammen ergäben ein Ideal …

Unaufgeregt, warmherzig, von außen betrachtet und gerade deshalb nah dran und nachvollziehbar erzählt uns Wolfgang Schorlau von einer Zeit, die immer noch mit Mythen belegt ist. Am Beispiel dreier junger Menschen, die sich, jeweils von einem ganz eigenen Anfangspunkt kommend, treffen, Verbindungen zueinander knüpfen und durch die Zeit und die Umstände, man könnte auch sagen durch das Leben, wieder ihrer eigenen Wege gehen. Sie erleben eine Zeit des Umbruchs und sie sind der Umbruch. Was sie für sich, als einzelne Personen, daraus mitnehmen ist so individuell wie sie selbst. Und genau darin liegt die große Stärke dieses aufschlussreichen, durchaus nicht immer fiktiven Romans. Es bleiben Lücken, die später gefüllt werden, um Verbindungen aufzuzeigen, die auch der aufmerksame Leser nicht kennen kann, die Geschichte aber um so reicher und nachvollziehbarer machen, in dem Moment, in dem Schorlau sie uns zeigt.

Angefangen beim Cover, das ein authentisches Foto aus der Zeit ziert – zu sehen ist darauf ein langhaariger junger Mann in typisch lässiger Pose – bis hin zum Nachwort und der Nennung derjenigen Menschen, die wie Wolfgang Schorlau wohl selbst diese Zeit intensiv erlebt haben und sich mit ihm darüber ausgetauscht haben (hier findet man übrigens auch den Namen des Titelmodels)  ist alles an diesem Buch facettenreich, menschlich, bodenständig und ehrlich. Und plötzlich nicht mehr aufrührerisch im Sinne von verrückt oder unsinnig, sondern einfach einer Gesetzmäßigkeit folgend. Es musste so sein, weil sich die Gesellschaft so entwickelt hatte und junge Menschen ihren Platz finden und sich erstreiten müssen.

Dass dabei manche ihren Idealen im Kern treu bleiben, obwohl sie im Nachhinein merken, dass ihre Ikonen auch nur Menschen und teilweise fehlgeleitet waren, andere die Erfahrungen, die sie gesammelt haben auf früherem Feindgebiet nutzen, um sich dort zu etablieren und wieder andere keine Ikonen benötigen, weil sie ein zutiefst menschenfreundliches Weltbild verinnerlichten, das sie auch leben, ist nur einer der vielen Aha-Effekte die Schorlau uns mit seinen Rebellen beschert.

Ein Buch, das sich schnell weg liest und doch lange nachhallt. Empfohlen allen, die ein aus zweiter oder dritter Hand gefärbtes Bild der 60er/70er Jahre Rebellen im Kopf haben, ebenso  wie denjenigen, die sich das Bild selbst machen konnten. Es wird auf allen Seiten zu einem beitragen: dem Verständnis für das Entstehen der Revolte und der Aussöhnung mit der Abkehr von ihr.

 BuchDetails

  •  Aktuelle Ausgabe: 14.08.2014
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04686-1
  • Taschenbuch: 336 Seiten
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3 Gedanken zu “Der Rebellion kommt immer eins dazwischen: das Leben

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