Die mögliche Tat der Lily Hayes

av_dubois_maedchen_rz.inddDie amerikanische Studentin Lily Hayes verbringt in Buenos Aires ihr Auslandssemester. Nach wenigen Wochen wird sie des Mordes an ihrer Zimmergenossin Katy Kellers angeklagt. Ist Lily Hayes „Ein gutes Mädchen“? Oder hat sie die Tat wirklich begangen?

Jennifer DuBois erzählt nach ihrem gefeierten Erstling „Das Leben ist groß“, (in Deutschland 2012 erschienen) eine Geschichte, zu der sie der Fall ihrer Altersgenossin Amanda Knox inspiriert hat. DuBois schreibt in ihrem Vorwort, dass ihr Roman nichts mit der wahren Geschichte zu tun hat. Man sollte ihn völlig eigenständig lesen.

DuBois gelingt es sehr gut, Lily und ihre Familie zu charakterisieren und zum Leben zu erwecken: Bevor Lily und ihre Schwester Anna geboren wurden, hatten ihre Eltern eine weitere Tochter, die im Kleinkindalter starb. Die Ehe hielt dem Verlust nicht stand. Anna, ein wenig die Außenseiterin der Familie, ist überzeugt, dass sie eigentlich nicht geplant war (die Eltern hatten schließlich nur zwei Kinder haben wollen) und dass sie lediglich ein schlechter Ersatz ist. Ihr Vater Andrew, stets mit ein wenig Abstand zu sich selbst und sich und andere analysierend, gesteht sich ein, dass er die eine Tochter, nämlich Lily, mehr liebt, als die andere.

Was den Roman über große Stecken kurzweilig und unterhaltsam macht, ist DuBois‘ Technik, die Kapitel aus jeweils verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Immer wieder wird so die gleiche Begebenheit in einem anderen Licht gezeigt und der Leser muss sein Urteil überdenken, vielleicht auch revidieren, da es doch ganz anders gewesen sein könnte. Die Autorin selbst tritt weit hinter die Geschichte zurück und lässt ihre Leser ihre eigenen Schlüsse ziehen.

Lily und Katy haben sich bei ihrer Gastfamilie in Buenos Aires ein Zimmer geteilt, sind sehr verschieden. Lily denkt offenbar schlecht über Katy, wie nach der Anklage dann auch aus diversen von ihr verfassten E-Mails erkenntlich wird. Sowieso ist Lily – wie übrigens ausnahmslos alle Figuren des Romans – keine Sympathieträgerin. Ein Mädchen Anfang 20, das die Pubertät noch nicht ganz hinter sich gelassen hat, das glaubt, viel mehr zu verstehen, als andere, als ältere. Auch ihren Eltern fühlt sie sich innerlich überlegen, gibt sich selbstsicher, ist aber tief drinnen verunsichert.

Der Nachbar Sebastien, der Lilys Freund wird, ist in seiner sarkastischen, überheblichen Art zumindest anstrengend, wenn nicht nervtötend. Glück ist für ihn eine „spießige Kategorie“, eine normale Unterhaltung scheint mit ihm nicht möglich. Er ist in Lilys Alter und lebt allein in einem riesigen Haus, seine Eltern kamen unter mysteriösen Umständen ums Leben. Er tut nichts, ist reich – sicher eine interessante Figur, aber ein wenig zu konstruiert, um glaubwürdig zu sein.

Auch der Staatsanwalt Eduardo nimmt großen Raum im Buch ein, ebenso sehr von sich überzeugt: kein Verhör, kein Gespräch, in dem er nicht sicher wäre, dem anderen immer einen Schritt voraus zu sein. Außerdem ein Ermittler mit Privatleben, einer schwierigen Liebesbeziehung, nicht ganz schlüssig hier die Zusammenhänge zum Fall, die DuBois herstellt.

„Ein gutes Mädchen“ zeigt die Charaktere aus verschiedenen Blickwinkeln, erzählt von schwierigen Beziehungen, wirft immer neue Schlaglichter auf Lily und die mögliche Tat. Anders als der Klappentext suggeriert, ist die zentrale Frage des Romans aber eben doch die, ob sie schuldig ist oder nicht. Und auch die Ankündigung der „Darstellung der zerstörerischen Macht öffentlicher Schuldzuweisungen“ führt in die Irre, da der Roman sehr um seine Figuren und um ihre Wirkung aufeinander kreist, sich aber fast gar nicht mit der Wirkung des Falls in der Öffentlichkeit beschäftigt, was ein spannender Aspekt gewesen wäre. Einige kleine Längen sind zu beklagen und zuweilen wiederholt sich die Autorin in dem, was sie verdeutlichen will. Auch das Ende dürfte Geschmackssache sein. Trotzdem über weite Strecken fesselnd und unterhaltsam.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 18.08.2014
  • Verlag : Aufbau Verlag
  • ISBN: 978-3-351-03574-7
  • Gebunden: 480 Seiten
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