Was man nicht einfach vergessen kann

flüchtige SeelenIn den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand aus der Kommunistischen Partei Kambodschas die Bewegung der Roten Khmer, eine Guerillagruppierung, die dem Land eine neue Ordnung auferlegen wollte und letztendlich sein Volk in die Knie zwang, keinen Widerstand zuließ und einen Massenmord erschreckenden Ausmaßes verübte. Um die 2 Millionen Menschen fielen dem Regime zum Opfer, bis die Herrschaft der Roten Khmer 1978 beendet wurde und die Gruppierung zunächst nur im Untergrund weiter existierte, bevor sie dann Anfang der 90er ihre Auflösung bekanntgab.

Madeleine Thien nähert sich in ihrem Roman „Flüchtige Seelen“ dieser Schreckenszeit in Kambodscha an und lässt sie noch einmal vor den Augen des Lesers aufleben. Ihre Hauptfigur ist Janie, die am Neurologischen Institut der Universität von Montreal forscht und glaubt, mit ihrer kambodschanischen Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Dann verschwindet ihr väterlicher Freund und Mentor Hiroji spurlos und Janie lässt die Frage nicht los, wo er sein könnte. Er kommt wie sie aus Kambodscha und hat unter der Herrschaft der Roten Khmer Schlimmes erlebt. Es zeichnet sich ab, dass er nach seinem verschollenen Bruder James sucht und sich auf den Weg in die alte Heimat gemacht hat.

„Flüchtige Seelen“ widmet sich abschnittweise verschiedenen Episoden in Janies Leben – Janie, die zuvor Mei hieß, die sich eine neue Identität geschaffen hat, schaffen musste, um zu überleben. In Kanada inzwischen verheiratet und Mutter eines Sohnes, kann sie nicht mehr bei ihrer Familie leben, da sie die Vergangenheit nun einholt und nicht mehr loslässt. Wir lesen von ihrer Kindheit in Kambodscha, vom Verlust von Familienmitgliedern und auch von Hirojis Geschichte und Vergangenheit. Zwischen beiden finden sich Parallelen, die verdeutlichen, warum sie eine enge Bindung zueinander haben.

Wenn Thiens Geschichte sich der Vergangenheit widmet, wenn es schwerer erträglich wird für den Leser, wenn sie auf den Krieg und auf das Leiden der Menschen schaut – stellvertretend auch für alle anderen Kriege, die es zu allen Zeiten gab und auch gegenwärtig gibt – dann ändert sich auch ihre Sprache, ihre Erzählweise. Sie spricht weniger klar. Wir sehen nicht mehr ganz so deutlich, verstehen aber trotzdem.

„Flüchtige Seelen“ wühlt auf, berührt, verstört. Ist mitunter sperrig zu lesen. Hier kann man noch etwas lernen über ein Land, das selten in den Nachrichten zu sehen ist. Ein lesenswerter Roman, nicht immer leicht zugänglich, aber nicht ohne Hoffnung für seine Protagonisten.

Buchdetails

 

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